Beendete tiefenpsychologisch fundierte Therapien dauerten im Schnitt 26,5 Sitzungen. Böker und Hentschel haben das 2023 im Deutschen Ärzteblatt aus den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für 462.635 Erwachsene ausgewertet, die 2018 eine Therapie begannen und in den zwei Jahren davor keine Kassentherapie hatten. Bei der Verhaltenstherapie waren es 24 Sitzungen, bei der analytischen Psychotherapie 73. Über alle Verfahren hinweg wurden 23 Prozent zur Langzeittherapie, bei der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie waren es 21,9 Prozent. 68 Prozent der tiefenpsychologisch fundierten Langzeittherapien endeten vor dem ersten Schritt von 60 Stunden.
Gezählt wurden nur beendete Therapien in Praxen mit Kassenzulassung, in einem Beobachtungsfenster von höchstens vier Jahren. Bei der analytischen Psychotherapie lief fast jede zweite noch, bei den anderen Verfahren etwa jede fünfte. Die Autoren werten den Vorwurf, Therapien dauerten zu lang, als „eindeutig widerlegt“.
Die meisten meiner Patienten haben 60 oder 100 Stunden gemacht. Ich würde sagen, es gab so 20 bis 30 Prozent, die dann früher abgebrochen haben oder bei denen es irgendwo einfach auch gut war, gerade bei umgrenzten Traumafolgestörungen, die dann mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) recht schnell behandelt werden konnten. Oder eben bei Menschen mit großen Ressourcen, mit einer guten Persönlichkeitsstruktur, mit Problemen, die nahe unter der Oberfläche lagen. Bei den meisten wurden im weiteren Verlauf bis zu der 100-Stunden-Grenze eben noch wesentliche Fortschritte erzielt.
Also bei den meisten Störungsbildern, die in die Praxis kommen: Das sind ja dann nicht irgendwelche leicht depressiven Episoden, sondern das sind schon ausgeprägte Störungsbilder mit Angst, Depression und körperlichen Symptomatiken. Das dauert im Schnitt 1 bis 2 Jahre, bis da wesentliche Fortschritte gemacht werden können.
Wann eine kurze Therapie reicht und wann eine lange
Beides kommt vor, und was passt, hängt von der Problematik ab. Ich habe viel mit Gewalttätern und Traumaopfern gearbeitet, aber auch in Kliniken mit mehreren Hundert Patienten mit ganz unterschiedlichen Ursprungsgeschichten und Symptomatiken. Ich schließe mich da ganz Otto Kernberg an. Kernberg zufolge hängt die Dauer „vollkommen von der Problematik des Patienten ab und von der Methodik“. Kurztherapien reichen „von einer Beratung von einer Stunde bis zu 15 Stunden“, „langwierige Therapien“ dauern drei oder sechs Monate, Behandlungen „für schwere Persönlichkeitsstörungen“ ein bis zwei Jahre, und „manche Behandlungen dauern vier oder fünf Jahre, besonders wenn es sich um Psychoanalyse handelt“. Eine sehr lange Therapie ist nach Kernberg in wenigen Fällen wichtig, „besonders bei narzisstischen Persönlichkeiten“. Dazu kommen Fälle, in denen eine Behandlung „sich im Kreis dreht und abgebrochen werden sollte“. Nachzulesen ist das in „Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?“ von Kernberg und Lütz (2020, Kapitel 4).
Es gab einige Patienten, die wirklich nach 1 Stunde schon ihren Durchbruch hatten und danach keinen wirklichen Therapiebedarf mehr hatten. Das waren meistens Leute mit einer gut integrierten Persönlichkeit, mit guten persönlichen Ressourcen und Beziehungen, die Konflikte hatten, die schon unter der Oberfläche gärten und nur gänzlich ans Tageslicht geholt werden mussten und verständnisvoll und verständlich integriert werden mussten, während viele Gewalttäter eben selbst auch Gewalt und Vernachlässigung erlebt haben und Traumaopfer kamen eben sowieso mit Geschichten, die fast unvorstellbar sind, über die man kaum in Büchern liest oder in einem Film sieht, weil die so horrend sind, dass sie den Leser oder Zuschauer traumatisieren würden. Das waren Menschen, die von frühestem Kindesalter an über Jahre und manchmal Jahrzehnte von Verwandten sexuell missbraucht wurden. Bei denen ist das Vertrauen in die Menschheit verständlicherweise so gestört, dass der Vertrauensaufbau Zeit braucht. Auch haben diese frühen Störungen die Persönlichkeit so stark mitgeformt und so ausgeprägte Muster von Hilflosigkeit und Bitterkeit erzeugt, dass diese Umwandlung einfach lange braucht, um überhaupt zu einem Mindestmaß an Zufriedenheit im Leben zu finden.
Eine Auswertung von 26 Studien aus der Routineversorgung nennt als optimale Dosis 4 bis 26 Sitzungen, je nach Setting, Patientengruppe und Messung (Robinson und Kollegen, 2020). 4 bis 26 Sitzungen, die anscheinend optimal sein sollen. Die sind bei vielen dieser Patienten für die Kennenlernphase und den Vertrauensaufbau nötig. Also das finde ich völlig absurd. Die Autoren der Auswertung weisen selbst darauf hin, dass die Daten meist aus Hochschul-Beratungsstellen und Ambulanzen für häufige Störungen stammen. Zu chronischen und schweren Störungen sind sie spärlich und ohne klares Ergebnis.
Ob eine lange Therapie mehr bringt als eine kürzere, ist in der Forschung umstritten. Leichsenring und Rabung fassten 2008 insgesamt 23 Studien mit 1.053 Patienten zusammen, in denen psychodynamische Einzeltherapie mindestens ein Jahr oder 50 Sitzungen dauerte. In den kontrollierten Studien schnitt sie bei komplexen Störungen besser ab als kürzere Formen. Bhar und Kollegen haben 2010 genau diese Auswertung nachgerechnet. Sie fanden einen Rechenfehler bei den Effektstärken und keinen Beleg dafür, dass die lange psychodynamische Therapie kürzeren Methoden überlegen ist. Smit und Kollegen werteten 2012 elf randomisierte oder quasi-randomisierte Studien zur psychoanalytischen Langzeittherapie aus. Die Genesungsrate war danach genauso hoch wie nach den Vergleichsbehandlungen, und die Belege bezeichnen sie als begrenzt und bestenfalls widersprüchlich.
Wie oft pro Woche?
Generell ist für die meisten Menschen einmal die Woche schon sehr angemessen. Ermann nennt in „Psychotherapie und Psychosomatik“ (7. Auflage 2020, S. 550) für die konfliktzentrierte tiefenpsychologisch fundierte Therapie eine Wochenstunde, für die analytische Psychotherapie zwei bis drei.
Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass die Währung der Psychotherapie einfach Vertrauen ist, und Vertrauen braucht eben auch Frequenz. Wenn Sie ein scheues Reh vor sich haben, dann gewöhnt es sich an Sie, je mehr Zeit Sie damit verbringen. Ich habe in meinen eigenen Therapien erlebt, dass bei hochfrequenter Therapie ein viel tieferes Vertrauen entstand als bei niedrigfrequenter. Nur wenn es eine Therapiepause gab, entweder durchs Wochenende oder einen Urlaub, dann musste das Vertrauen erst mal wieder aufgebaut werden in mir.
Bei Menschen, die gerade emotional sehr instabil sind, bin ich auch oft auf zweimal die Woche hochgegangen. Die Richtlinie begrenzt die Frequenz auf höchstens drei Stunden pro Woche, „um eine ausreichende Therapiedauer im Rahmen der Kontingentierung zu gewährleisten“. Eine höhere Frequenz verbraucht das bewilligte Kontingent schneller. Ein Abschnitt mit höherer Frequenz ist möglich, er darf aber nicht den ganzen Bewilligungsschritt umfassen, und eine durchgehend hochfrequente Therapie ist ausgeschlossen. Wenn das Meiste erledigt ist und es vielleicht einfach nur noch für ein gutes Sicherheitsempfinden eine Anbindung braucht, dann kann man eben auch auf zwei- oder vierwöchentlich runtergehen.
Nach Robinson und Kollegen scheint wöchentliche Therapie die Besserung gegenüber selteneren Terminen zu beschleunigen. In einer Studie mit 200 Erwachsenen mit Depression (Bruijniks und Kollegen, 2020) hatten die Teilnehmenden, die zweimal pro Woche kamen, weniger Symptome als die mit einem Termin pro Woche, und bei ihnen gab es 16 statt 32 Abbrüche. Geprüft wurden Verhaltenstherapie und Interpersonelle Therapie über 16 bis 24 Wochen, in beiden Gruppen mit höchstens 20 Sitzungen. An der tiefenpsychologisch fundierten Therapie wurde das nicht untersucht.