Die frühe Abwehr setzt früher an, entwicklungsgeschichtlich und im einzelnen Moment. Namensgebend ist ihr zentraler Mechanismus, die Spaltung selbst: Vier weitere Mechanismen kommen hinzu.
Spaltung
Bei der Spaltung stehen widersprüchliche Wahrnehmungen unverbunden im selben Menschen nebeneinander und lösen einander ab. Ein Mensch wird nur gut oder nur schlecht erlebt, selten beides zugleich. An der Umschlagstelle steht in der Regel ein starkes Gefühl, häufig eine Enttäuschung.
Am deutlichsten wird das in Beziehungen. Jemand erscheint an einem Tag nah und verlässlich, nach einer Enttäuschung nur noch fern, und zwar vollständig. Die gute Erfahrung von gestern zählt in diesem Moment nicht mehr, sie ist nicht abgeschwächt, sondern unerreichbar. Dasselbe Muster trägt durch ganze Lebensbereiche. Der neue Arbeitgeber ist in den ersten Wochen der beste, den es je gab, nach der ersten Kritik im Teamgespräch ist die ganze Firma verlogen, und die Kündigung ist am selben Abend geschrieben. Einen Übergang zwischen den beiden Bildern gibt es nicht.
Auch das Bild von sich selbst kann so zerfallen. Am Montag ist jemand sicher, alles zu können, am Mittwoch, nichts wert zu sein, und der Mittwoch hat keinen Zugriff auf den Montag. Genauso zerfällt das Bild des anderen: Statt Liebe und Wut auf denselben Menschen zugleich auszuhalten, wird er in einen liebenden und einen wütenden Anteil geteilt. Aggressive Persönlichkeitsanteile und liebevolle bleiben getrennt, statt sich zu einem Bild zu verbinden.
Spaltung bleibt selten im Inneren. Ermann beschreibt, wie sich in Kliniken die Beziehungsanteile auf die Berufsgruppen verteilen. Das emotional Belastende landet beim Pflegepersonal, das professionell Distanzierte bei den Ärzten, und je mehr das Leid eines Patienten anrührt, desto stärker polarisieren sich die Rollen, bis daraus Konflikte im Behandlungsteam werden.
Primäre Spaltung heißt: Diese Fähigkeit, Gutes und Schlechtes an einem Menschen zusammenzuhalten, kam entwicklungsbedingt nie zustande. Sie hat von Anfang an gefehlt, nicht weil sie verlorenging, sondern weil sie sich nie ausgebildet hat.
Sekundäre Spaltung heißt etwas anderes: Die Fähigkeit war da, ging also irgendwann in der Entwicklung schon an den Start. Unter starkem Druck bricht sie aber wieder weg, und der Mensch fällt vorübergehend zurück in genau den Zustand, den er eigentlich schon überwunden hatte. Der Unterschied ist also: nie erreicht gegen wieder verloren.
Idealisierung und Entwertung
Idealisierung und Entwertung ähneln der Spaltung, führen aber zu deutlich geringerer Polarisierung. Ermann nennt sie typisch für narzisstische Patienten auf mittlerem Strukturniveau.
Ein neuer Kontakt wirkt zunächst außergewöhnlich, nach einer ersten Enttäuschung nur noch gewöhnlich. Anders als bei der Spaltung bleibt ein Mittelfeld bestehen: Die Bewertung schwankt, ein vollständiges Kippen bleibt aus.
Projektion
Bei Projektion wird ein unerwünschtes eigenes Erleben unbewusst einem anderen zugeschrieben, um das eigene Selbstgefühl zu stabilisieren. Unangenehme Persönlichkeitsanteile wandern nach außen und tauchen am Gegenüber wieder auf.
Ein Gefühl, das die eigene Selbstachtung bedrohen würde, taucht wieder auf, allerdings am anderen: Wer die eigene Gereiztheit nicht erträgt, bemerkt an diesem Tag vor allem, wie gereizt alle anderen wirken.
Projektive Identifizierung
Projektive Identifizierung geht einen Schritt weiter als die Projektion. Die andere Person trägt das eigene Gefühl. Mehr noch: Sie wird durch das eigene Verhalten dazu gebracht, es tatsächlich zu empfinden. Bewusst ist meist die Einflussnahme selbst, unbewusst bleibt ihr abwehrender Zweck. Ermann nennt die projektive Identifizierung einen typischen Borderline-Mechanismus, führt sie aber ebenso als ganz normalen Vorgang der vorsprachlichen Verständigung zwischen Mutter und Säugling.
Mir ist das in Sitzungen selbst begegnet: Jemand versteht die einfachste Aussage nicht, ich fühle mich veranlasst, zu erklären, zu beschreiben, wieder und wieder, bis Ärger in mir hochkommt, bevor mir klar wird, was zwischen uns eigentlich vor sich geht.
Ermann beschreibt ein ähnliches Muster bei der Einschätzung von Suizidalität: Eine gehemmte Aggression, die der Patient selbst nicht spürt, kann sich beim Untersucher als Angst oder als Wut bemerkbar machen, und genau darin zeigt sich die projektive Identifizierung.
Posttraumatische Dissoziation
Bei Spaltung ist noch alles da, nur in ein gutes und ein schlechtes Bild geteilt. Bei posttraumatischer Dissoziation ist etwas weg: die Erinnerung, die Körperwahrnehmung oder das Gefühl dazu. Stellen Sie sich zwei Zustände vor, die kurz nacheinander auftreten und nichts voneinander wissen: Im ersten erlebt jemand eine Bedrohung hellwach mit, im zweiten, kurz danach, ist davon nichts mehr da, kein Bild, kein Gefühl, keine Körperempfindung. Genau das meint Ermann: Wer gerade im zweiten, aktuellen Zustand ist, kommt an den ersten, vorherigen nicht mehr heran, für das aktuelle Bewusstsein ist er, als hätte es ihn nie gegeben.
Der Ichzerfall reicht von einzelnen abgespaltenen Wahrnehmungen bis zu ganzen Teilpersönlichkeiten. Ein bekanntes Beispiel ist die Entfremdung: In akuter Bedrohung erleben viele, dass sie neben sich stehen, ein Teil beobachtet von außen, während ein anderer, „entfremdeter“ Teil das eigentliche Erleben trägt, das schafft Distanz zur Bedrohung.
Bei der Fugue oder der multiplen Persönlichkeit geht es weiter: Es entstehen eigene Identitäten mit eigenem Verhalten, etwa „mein Selbst auf der Flucht“ und „mein Selbst in Sicherheit“, die sich gegenseitig ablösen. Die Idee dahinter, in Ermanns Worten: Ein Teil der Persönlichkeit soll nicht wissen, was der andere tut, oder er wird durch die Abspaltung in Sicherheit gebracht. Wie sich daraus eine Behandlung entwickelt, beschreibe ich in der tiefenpsychologischen Traumatherapie.