TP THEMEN

Abwehrmechanismen erkennen und verstehen

TP THEMEN Von Haegermann 10 Min. Lesezeit Juli 2026

Inhalt

Ein Gedanke taucht auf und ist im nächsten Moment nicht mehr da. Ein Gefühl regt sich und wird, kaum bemerkt, zu etwas anderem. Abwehrmechanismen laufen automatisch ab. Niemand entscheidet morgens, heute zu verdrängen oder zu verleugnen: Die Psyche schließt aus, was sie in diesem Moment nicht tragen kann, und tut das, bevor das Bewusstsein überhaupt gefragt wird.

Abwehr selbst ist normal. In der Psychotherapie wird sie erst dort zum Thema, wo sie mehr verhindert, als sie schützt.

Strukturniveau

Strukturniveau beschreibt, wie stabil und wie differenziert jemandes innere Ordnung ist: wie gut es gelingt, sich selbst und andere als Ganzes zu erleben, mit Ecken und Widersprüchen, statt in Schwarz und Weiß. Ermann unterscheidet ein niederes, ein mittleres und ein höheres Strukturniveau, mit einer reifen Persönlichkeitsorganisation als Idealfall am oberen Ende.

Es ist ein Kontinuum, keine Schublade: Niemand ist einfach „niedrig“ oder „hoch“ strukturiert, sondern bewegt sich in diesem Bereich, situativ und über die Zeit veränderbar, auch durch tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Das Strukturniveau prägt, welche Abwehrmechanismen jemand bevorzugt einsetzt, frühe wie die Spaltung oder reife wie die Verdrängung. Praktisch heißt das: Wer eher reife Mechanismen nutzt, hält Beziehungen auch durch Enttäuschungen hindurch zusammen, und das eigene Selbstwertgefühl bleibt nach einem schlechten Tag stabil. Wer eher auf frühe Mechanismen wie Spaltung zurückgreift, erlebt Beziehungen und sich selbst leichter in Extremen, mit weniger Kontinuität dazwischen.

Abwehr und Bewältigung

Abwehr und Bewältigung sind verwandt, aber nicht dasselbe. Beide sind psychische Vorgänge, die dem inneren Gleichgewicht dienen, auf unterschiedliche Weise. Bewältigung, in der Fachsprache Coping, ist ein mehr oder weniger bewusster Vorgang: Jemand verändert seine Gefühle, sein Denken oder sein Verhalten, um mit einer fortbestehenden Belastung zurechtzukommen.

Abwehr dagegen läuft überwiegend unbewusst ab. Sie setzt dort ein, wo eine Aufgabe unlösbar erscheint, und schließt das Problem aus der bewussten Wahrnehmung aus, ohne es zu lösen. Ermann beschreibt Abwehrmechanismen als Vorgänge, die überwältigende Erfahrungen aus dem Feld des Bewusstseins ausklammern: automatisch, nicht bewusst erlebt, nicht willentlich gesteuert.

Die Grenze ist allerdings durchlässig, und zwar nach Ermanns eigener Darstellung. Die Verleugnung führt er als Abwehrmechanismus, der ebenso als Copingmechanismus bei der Bewältigung von Belastungen vorkommt. Derselbe Vorgang kann also auf beiden Seiten der Grenze stehen, je nachdem, wie bewusst er abläuft.

Bewältigung kann man üben. Abwehr merkt man meistens erst, wenn sie schon gearbeitet hat.

Reife und frühe Abwehr

Am Anfang der Persönlichkeitsentwicklung steht die frühe Abwehr, später kommt die reife dazu. Ermann nennt sie Spaltungsabwehr und Verdrängungsabwehr. Beide Formen bleiben nebeneinander bestehen, mehr oder weniger stark, ein Leben lang.

Verdrängung nimmt einen einzelnen unerträglichen Inhalt (einen Impuls, ein Gefühl, eine Wahrnehmung) aus dem Bewusstsein heraus, aber das Gesamtbild von sich selbst und vom anderen bleibt dabei ganz und widerspruchsfähig. Man kann jemanden gleichzeitig lieben und von ihm enttäuscht sein, ohne dass daraus zwei verschiedene Menschen werden. Ermann nennt diese Fähigkeit, Gegensätzliches zusammenzuhalten, Integration, und sie ist eine relativ reife Ich-Leistung.

Spaltung macht etwas anderes: Sie hält nicht einen Inhalt heraus, sondern zerlegt das ganze Bild einer Person, oder des Selbst, in zwei getrennte Pakete, ein nur-gutes und ein nur-schlechtes. Beide existieren, aber nie gleichzeitig. Am Umschlagpunkt, meist eine starke Enttäuschung, kippt das Erleben von einem Paket ins andere. Der Mensch, der eben noch ideal war, ist plötzlich nur noch schlecht, und die gute Version davor zählt in dem Moment nicht mehr.

Abwehr auf allen Ebenen

Manche Abwehrmechanismen sind an keine Entwicklungsstufe gebunden. Sie kommen auf jedem Strukturniveau vor, bei reifer wie bei früher Abwehr.

Internalisierung

Internalisierung ist ein Grundmechanismus der Entwicklung: Wir eignen uns Eigenschaften anderer Menschen an. Sie kann auch als Affektabwehr dienen.

Die Introjektion nimmt den anderen als Ganzes auf, man erlebt sich mit ihm verschmolzen. Er bleibt als Fremdkörper drin, und man steht weiter in Beziehung zu ihm: Er spricht, lobt, straft, verlangt. Nach dem Tod der Mutter übernimmt jemand ihre Redewendungen und sogar Meinungen, gegen die er sich zu ihren Lebzeiten gewehrt hat. Wer den anderen in sich trägt, hat ihn noch nicht ganz verloren, und die Trauer bekommt Aufschub.

Die Imitation übernimmt nur die Form, nicht die Person. Der andere bleibt ein Gegenüber. Was ankommt, ist sein Auftreten, getragen wie ein geliehenes Kleidungsstück. So redet und kleidet sich ein Vierzehnjähriger plötzlich wie der bewunderte ältere Cousin.

Unter Belastung wird daraus eine Notlösung: Ich-schwache Persönlichkeiten greifen auf Symptome zurück, die sie bei anderen beobachtet haben, oft bei Menschen, die ihnen nicht einmal nahestehen. Erkennen kann man die Imitation genau daran, dass das Übernommene für den Betreffenden selbst keine besondere Bedeutung hat.

Die reife Identifikation übernimmt einzelne Eigenschaften, über Einfühlung, und macht sie zu eigenen. Hier ist verdaut worden. Jemand hat bei einer früheren Chefin gesehen, wie sie in einer Krise erst zuhört und dann entscheidet, und macht es Jahre später selbst so, ohne noch an sie zu denken.

Die Prüffrage über alle drei lautet: Ist da noch jemand drin? Beim Introjekt ja. Bei der Imitation nein, weil nie jemand hereinkam. Bei der Identifikation nein, weil man es selbst geworden ist. Als Abwehr richtet sich Internalisierung gegen Trennung und Verlust. Wer so wird wie der andere, verliert ihn nicht.

Zwei Sonderformen nennt Ermann eigens. Die Identifizierung mit den Erwartungen anderer, die er auch Unterwerfung nennt: Jemand wird, was Eltern, Partner und Arbeitgeber in ihm sehen wollen, und die Zuwendung ist gesichert. Der Preis ist das eigene Wollen. Und die Identifizierung mit dem Aggressor, die zwei Richtungen hat. In Ermanns Abwehrübersicht wendet man fremde Aggression gegen sich selbst: Ein geschlagenes Kind erklärt als Erwachsener, es habe die Schläge verdient. In seinem Traumakapitel wechselt man in die Täterposition und distanziert sich so von der eigenen Angst, Scham und Schutzlosigkeit. Beides ist dasselbe Arrangement von zwei Seiten. Ermann beschreibt es als sadomasochistisch: Ein Teil behandelt einen anderen Teil hart, dieser unterwirft sich.

Regression

Regression gibt das aktuelle Strukturniveau zugunsten früherer Erlebnisweisen auf. Anlass sind meist Konflikte und Erfahrungen, die nicht verarbeitet werden können. Ein Erwachsener beginnt dann unbewusst, sich wie ein Kind zu fühlen und zu verhalten. Entschieden wird das nicht: Die frühere Stufe verlangt weniger, das schützt.

Im Alltag ist der Vorgang so verbreitet, dass er kaum auffällt. Wer krank im Bett liegt, wird kleiner. Man lässt sich versorgen, gibt Entscheidungen ab und ist dünnhäutiger als sonst. Der Fünfundvierzigjährige sitzt an Weihnachten am Küchentisch seiner Eltern und ist nach einer Stunde wieder vierzehn, mit denselben Sätzen und derselben Gereiztheit. Im Streit fällt jemand in Schweigen und Türenschlagen zurück, obwohl er in jeder Konferenz ruhig verhandeln kann. Das sind vorübergehende Bewegungen, und sie gehen von selbst wieder zurück.

Die strukturelle Regression ist die längere Form. Hier werden reife Funktionsweisen aufgegeben und durch unreifere ersetzt: Die Verdrängung weicht der Spaltung, oder ein Gefühl, das schon in Worte gefasst war, kehrt wieder in den Körper zurück. Sie kann bis zum Verlust des Realitätsbezugs und des Selbstgefühls gehen.

Verleugnung

Bei Verleugnung wird eine Realität kognitiv wahrgenommen, aber ihr wird die Anerkennung verweigert, teilweise oder vollständig. Der Raucher kennt die Zahlen und raucht weiter, die Diagnose wird gehört und gleich darauf behandelt, als sei nichts gesagt worden. Der Befund existiert, aber er zählt nicht.

Diese teilweise Verleugnung kennt jeder, und zuerst schützt sie. Wird sie vollständig, deutet das auf eine starke Regression hin.

Die reife Abwehr: Verdrängungsabwehr

Die reife Abwehr setzt später an, entwicklungsgeschichtlich und im einzelnen Moment. Vier Mechanismen gehören hierher.

Verdrängung

Verdrängung macht eine Absicht, eine Vorstellung, einen Impuls oder eine Wahrnehmung unbewusst, sie wird im Wortsinn vergessen. Verdrängung ist etwas anderes als alltägliches Vergessen oder bewusstes Beiseiteschieben: Ein vergessener Name oder Termin belegt für sich genommen keine Verdrängung.

Ein Beispiel für Verdrängung: eine Verabredung mit sich selbst, ein Thema endlich anzusprechen, ausgerechnet dann vergessen, wenn der Moment dafür da wäre. Der Vorsatz wird unbewusst gemacht, kurz bevor er unbequem werden könnte.

Verschiebung

Ein Gefühl wandert bei Verschiebung von seinem eigentlichen Ziel weg, hin zu einem ungefährlicheren Ersatzziel. In der reifen Verdrängungsabwehr werden Wut und aggressive Impulse nicht ins Unbewusste verdrängt, sondern von denen abgelenkt, denen sie eigentlich gelten. Ermann nennt als Beispiel die Wut, die sich gegen einen Rivalen richtet und stattdessen gegen Unterlegene gelenkt wird.

Er beschreibt Verschiebung außerdem als typischen Mechanismus bei der Phobie. Statt eine unbestimmte und damit kaum erträgliche Angst zu spüren, bindet sich diese an ein an sich neutrales, aber konkretes und vermeidbares Ziel, wie zum Beispiel eine Spinne.

Reaktionsbildung

Bei Reaktionsbildung wird ein verpönter Impuls durch sein Gegenteil ersetzt. Verbotene Impulse verschwinden dabei nicht, sie zeigen sich umgekehrt. Aus dem Wunsch, jemanden zu konfrontieren, wird „Scheiß-Freundlichkeit“.

Wer sich selbst nichts gönnen kann, ohne sich schuldig zu fühlen, kümmert sich stattdessen übermäßig um andere und wählt nicht selten einen schlecht bezahlten Helferberuf: Ermann beschreibt das als typisches Muster der depressiven Persönlichkeit. Wer eigene Aggression nicht erträgt, wird auffällig kontrolliert und ordentlich, bei zwanghaften Persönlichkeiten laut Ermann ein Kernzug.

Gefühlsverdrängung

Gefühlsverdrängung bündelt drei verwandte Mechanismen. Gemeinsam ist ihnen, dass die Gefühle, die zu einem Erlebnis gehören, unbewusst gemacht werden. Der Weg dorthin ist jeweils ein anderer.

Die Intellektualisierung verlegt das Erleben auf die begriffliche Ebene. Man denkt und spricht über das, was geschehen ist, und hält es sich damit vom Leib.

Die Rationalisierung deutet Motive nachträglich um oder fügt neue hinzu, ohne dass das bewusst geschieht. Am Ende steht ein Verhalten, für das es gute Gründe zu geben scheint.

Die Affektisolierung trennt Erlebnis und Affekt. Der Gedanke bleibt erhalten, aber ohne das Gefühl, das eigentlich dazugehört.

Die frühe Abwehr: Spaltungsabwehr

Die frühe Abwehr setzt früher an, entwicklungsgeschichtlich und im einzelnen Moment. Namensgebend ist ihr zentraler Mechanismus, die Spaltung selbst: Vier weitere Mechanismen kommen hinzu.

Spaltung

Bei der Spaltung stehen widersprüchliche Wahrnehmungen unverbunden im selben Menschen nebeneinander und lösen einander ab. Ein Mensch wird nur gut oder nur schlecht erlebt, selten beides zugleich. An der Umschlagstelle steht in der Regel ein starkes Gefühl, häufig eine Enttäuschung.

Am deutlichsten wird das in Beziehungen. Jemand erscheint an einem Tag nah und verlässlich, nach einer Enttäuschung nur noch fern, und zwar vollständig. Die gute Erfahrung von gestern zählt in diesem Moment nicht mehr, sie ist nicht abgeschwächt, sondern unerreichbar. Dasselbe Muster trägt durch ganze Lebensbereiche. Der neue Arbeitgeber ist in den ersten Wochen der beste, den es je gab, nach der ersten Kritik im Teamgespräch ist die ganze Firma verlogen, und die Kündigung ist am selben Abend geschrieben. Einen Übergang zwischen den beiden Bildern gibt es nicht.

Auch das Bild von sich selbst kann so zerfallen. Am Montag ist jemand sicher, alles zu können, am Mittwoch, nichts wert zu sein, und der Mittwoch hat keinen Zugriff auf den Montag. Genauso zerfällt das Bild des anderen: Statt Liebe und Wut auf denselben Menschen zugleich auszuhalten, wird er in einen liebenden und einen wütenden Anteil geteilt. Aggressive Persönlichkeitsanteile und liebevolle bleiben getrennt, statt sich zu einem Bild zu verbinden.

Spaltung bleibt selten im Inneren. Ermann beschreibt, wie sich in Kliniken die Beziehungsanteile auf die Berufsgruppen verteilen. Das emotional Belastende landet beim Pflegepersonal, das professionell Distanzierte bei den Ärzten, und je mehr das Leid eines Patienten anrührt, desto stärker polarisieren sich die Rollen, bis daraus Konflikte im Behandlungsteam werden.

Primäre Spaltung heißt: Diese Fähigkeit, Gutes und Schlechtes an einem Menschen zusammenzuhalten, kam entwicklungsbedingt nie zustande. Sie hat von Anfang an gefehlt, nicht weil sie verlorenging, sondern weil sie sich nie ausgebildet hat.

Sekundäre Spaltung heißt etwas anderes: Die Fähigkeit war da, ging also irgendwann in der Entwicklung schon an den Start. Unter starkem Druck bricht sie aber wieder weg, und der Mensch fällt vorübergehend zurück in genau den Zustand, den er eigentlich schon überwunden hatte. Der Unterschied ist also: nie erreicht gegen wieder verloren.

Idealisierung und Entwertung

Idealisierung und Entwertung ähneln der Spaltung, führen aber zu deutlich geringerer Polarisierung. Ermann nennt sie typisch für narzisstische Patienten auf mittlerem Strukturniveau.

Ein neuer Kontakt wirkt zunächst außergewöhnlich, nach einer ersten Enttäuschung nur noch gewöhnlich. Anders als bei der Spaltung bleibt ein Mittelfeld bestehen: Die Bewertung schwankt, ein vollständiges Kippen bleibt aus.

Projektion

Bei Projektion wird ein unerwünschtes eigenes Erleben unbewusst einem anderen zugeschrieben, um das eigene Selbstgefühl zu stabilisieren. Unangenehme Persönlichkeitsanteile wandern nach außen und tauchen am Gegenüber wieder auf.

Ein Gefühl, das die eigene Selbstachtung bedrohen würde, taucht wieder auf, allerdings am anderen: Wer die eigene Gereiztheit nicht erträgt, bemerkt an diesem Tag vor allem, wie gereizt alle anderen wirken.

Projektive Identifizierung

Projektive Identifizierung geht einen Schritt weiter als die Projektion. Die andere Person trägt das eigene Gefühl. Mehr noch: Sie wird durch das eigene Verhalten dazu gebracht, es tatsächlich zu empfinden. Bewusst ist meist die Einflussnahme selbst, unbewusst bleibt ihr abwehrender Zweck. Ermann nennt die projektive Identifizierung einen typischen Borderline-Mechanismus, führt sie aber ebenso als ganz normalen Vorgang der vorsprachlichen Verständigung zwischen Mutter und Säugling.

Mir ist das in Sitzungen selbst begegnet: Jemand versteht die einfachste Aussage nicht, ich fühle mich veranlasst, zu erklären, zu beschreiben, wieder und wieder, bis Ärger in mir hochkommt, bevor mir klar wird, was zwischen uns eigentlich vor sich geht.

Ermann beschreibt ein ähnliches Muster bei der Einschätzung von Suizidalität: Eine gehemmte Aggression, die der Patient selbst nicht spürt, kann sich beim Untersucher als Angst oder als Wut bemerkbar machen, und genau darin zeigt sich die projektive Identifizierung.

Posttraumatische Dissoziation

Bei Spaltung ist noch alles da, nur in ein gutes und ein schlechtes Bild geteilt. Bei posttraumatischer Dissoziation ist etwas weg: die Erinnerung, die Körperwahrnehmung oder das Gefühl dazu. Stellen Sie sich zwei Zustände vor, die kurz nacheinander auftreten und nichts voneinander wissen: Im ersten erlebt jemand eine Bedrohung hellwach mit, im zweiten, kurz danach, ist davon nichts mehr da, kein Bild, kein Gefühl, keine Körperempfindung. Genau das meint Ermann: Wer gerade im zweiten, aktuellen Zustand ist, kommt an den ersten, vorherigen nicht mehr heran, für das aktuelle Bewusstsein ist er, als hätte es ihn nie gegeben.

Der Ichzerfall reicht von einzelnen abgespaltenen Wahrnehmungen bis zu ganzen Teilpersönlichkeiten. Ein bekanntes Beispiel ist die Entfremdung: In akuter Bedrohung erleben viele, dass sie neben sich stehen, ein Teil beobachtet von außen, während ein anderer, „entfremdeter“ Teil das eigentliche Erleben trägt, das schafft Distanz zur Bedrohung.

Bei der Fugue oder der multiplen Persönlichkeit geht es weiter: Es entstehen eigene Identitäten mit eigenem Verhalten, etwa „mein Selbst auf der Flucht“ und „mein Selbst in Sicherheit“, die sich gegenseitig ablösen. Die Idee dahinter, in Ermanns Worten: Ein Teil der Persönlichkeit soll nicht wissen, was der andere tut, oder er wird durch die Abspaltung in Sicherheit gebracht. Wie sich daraus eine Behandlung entwickelt, beschreibe ich in der tiefenpsychologischen Traumatherapie.

Wenn Abwehrmechanismen zum Problem werden

Nicht die Abwehrmechanismen selbst sind das Problem, sondern ihr Übermaß und ihre Starrheit. Die Abwehr an sich bleibt gesund, wie auch die Bewältigung. Jeder Abwehrmechanismus beinhaltet einen Gewinn: Der Mechanismus reduziert Spannung, und solange er das beweglich tut, ist nichts daran krankhaft.

Drei mögliche Folgen. Aus einer Verdrängung wird eine Fehlhandlung: Termine, die man eigentlich nicht wahrnehmen will, werden vergessen, oder man kommt immer wieder zu spät, ohne es sich erklären zu können. Aus einer Regression wird eine Symptombildung, sein eigenes Beispiel dafür ist das Einnässen: Ein Erwachsener verliert unter Belastung die Kontrolle über eine Funktion, die er seit Kindertagen beherrscht. Und bleibt ein Mechanismus dauerhaft im Einsatz, wird er zum neurotischen Charakterzug, etwa bei jemandem, der sich sein ganzes Leben um andere kümmert und sich selbst nie etwas gönnt, oder bei jemandem, der Unordnung um sich herum kaum erträgt.

Die Abwehr hat dann ihre eigentliche Aufgabe überlebt: Sie schützt nicht mehr vor der ursprünglichen Bedrohung. Finden Sie bei sich denselben Mechanismus über Jahre wieder, und belastet er Sie, dann lohnt sich ein zweiter Blick auf das, wovor er einmal geschützt hat. Bei der übermäßigen Kontrolliertheit könnte das zum Beispiel eine alte Angst vor der eigenen Aggression sein, die früher einmal gefährlich wirkte. Was es tatsächlich war, bleibt zunächst eine Vermutung, und aus einer einzelnen Situation lässt es sich nicht ableiten.

Abwehr und Widerstand in der Behandlung

Was innerseelisch Abwehr heißt, erscheint in der Behandlung als Widerstand. Die beiden Begriffe hängen eng zusammen, sind aber nicht dasselbe. Ermann sieht darin einen ursächlichen Zusammenhang: Die Abwehr von Konflikten und Affekten, die eine Behandlung erst hervorruft, ist für ihn der Grund für Widerstand. Die Behandlung ist quasi ein Angriff auf die Abwehr.

Und er trennt zwei Formen: Beim Verdrängungswiderstand steht tatsächlich Abwehr dahinter, zum Beispiel wenn jemand ausführlich von längst vergangenen Dingen erzählt, während im aktuellen Leben ein brennendes Problem liegenbleibt, oder wenn Schweigen Scham oder Wut fernhält, die die Behandlung gerade geweckt hat. Beim Strukturwiderstand handelt es sich, in seinen eigenen Worten, um ein strukturelles Defizit, nicht um eine Konflikt- oder Affektabwehr: Dasselbe Schweigen kann auch bedeuten, dass die Worte für das Gefühl schlicht fehlen, eine Alexithymie, die sich nicht deuten, sondern nur langsam auffüllen lässt. Wer schweigt, wehrt also nicht in jedem Fall etwas ab.

Ich merke Widerstand am häufigsten als Leere in der Gegenübertragung. Häufig sieht das nach den Abwehrmechanismen aus, die weiter oben schon beschrieben wurden, Intellektualisierung oder Affektisolierung: Der Patient rettet sich in den Kopf und redet weiter, während Gefühl und Körper nicht mehr mitkommen. Der Kopf wirkt dann abgetrennt und agiert allein, während ich selbst eine Leere spüre, wo eben noch Kontakt war. Beweisen tut dieses Gefühl nichts. Es ist ein Hinweis, dem ich nachgehe, und er kann ebenso mit mir zu tun haben, mit dem Tag oder mit der Passung zwischen uns beiden.

Die Abwehr selbst ist durchaus Gegenstand der Arbeit. Was am Ende darüber entscheidet, ob Abwehr überhaupt noch gebraucht wird, ist trotzdem etwas anderes: das, was ihr vorausgeht. Abwehr hält immer nur das aus dem Bewusstsein heraus, was jemand gerade nicht tragen kann. Übersetzt in die Innenperspektive dessen, der in Behandlung ist:

  • Ich taste mich an belastende Beziehungserfahrungen heran und an die Gefühle, die daran hängen.
  • Ich kann diese Gefühle aushalten, ob es Scham ist, Trauer oder Wut.
  • Ich kann mich trösten, mich selbst beruhigen, und muss das alles nicht mehr vermeiden.

Erst dann muss ich sie nicht mehr abwehren. Wird es erträglich, weil ich es fühlen und mich dabei selbst regulieren kann, bleibt für die Abwehr nichts mehr zu tun. Sie wird nicht abtrainiert, sie wird überflüssig, weil etwas anderes ihre Aufgabe übernommen hat.

Die Grenzen der Einteilung

Die Einteilung in reife und frühe Abwehr klingt sauberer, als sie ist. Ermann selbst nennt die strikte Trennung willkürlich. Besonders auf mittlerem Strukturniveau können beide Formen im selben Menschen nebeneinander bestehen. Unter Druck kann eine reifere Abwehr zudem einer früheren weichen, die eigentlich schon zurückgetreten war.

Auch die Liste selbst ist nicht neutral. Sublimierung, bei Anna Freud als Musterbeispiel gereifter Abwehr genannt, kommt in Ermanns Übersicht nicht vor. Und wie viele Mechanismen es überhaupt gibt, hängt davon ab, wen man fragt: Ermann führt zwölf, Anna Freud zehn, die in der heutigen Forschung verwendeten Defense Mechanisms Rating Scales dreißig, geordnet in sieben Stufen. Das zeigt vor allem, dass verschiedene Traditionen unterschiedlich einteilen. Unvollständig ist deshalb keine von ihnen.

Und: In den beiden deutschen S3-Leitlinien zur schweren Beeinträchtigung der Persönlichkeitsfunktionen und zur Borderline-Persönlichkeitsstörung kommt der Begriff Abwehr kein einziges Mal vor. Das heißt nicht, dass das Konzept widerlegt wäre. Es heißt: Es ist ein klinisch beschreibendes Werkzeug, kein Leitlinienbegriff. Leitlinien sprechen stattdessen vom Strukturniveau, erhoben zum Beispiel über das Interview der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD). Die Leitlinie selbst nennt das ein eng verwandtes psychodynamisches Konstrukt, und genau so viel ist es auch: verwandt mit der Unterscheidung zwischen reifer und früher Abwehr, aber nicht dieselbe Messachse.

Häufige Fragen

Was sind unreife Abwehrmechanismen?

Der Begriff stammt aus der angloamerikanischen Forschungstradition, die Abwehr nach ihrer Reife in Stufen ordnet. Dort ist er ein Sammelbegriff. In Ermanns Systematik entspricht das am ehesten der frühen Spaltungsabwehr: Spaltung, Idealisierung und Entwertung, Projektion, projektive Identifizierung. Deckungsgleich sind die beiden Ordnungen nicht.

Ist Ungeschehenmachen ein Abwehrmechanismus?

Ja, bei Anna Freud. Ermanns Übersicht, Grundlage dieses Artikels, führt es in dieser Form nicht auf. Zwei Standardwerke, zwei verschiedene Listen.

Welche Abwehrmechanismen gibt es?

Eine verbindliche Zahl gibt es nicht. Nach Ermann sind es zwölf Abwehrmechanismen, verteilt auf vier Gruppen: ubiquitäre Abwehr, Verdrängungsabwehr, Spaltungsabwehr und posttraumatische Abwehr. Anna Freud zählt in ihrem klassischen Überblick zehn, teils andere. Die Defense Mechanisms Rating Scales unterscheiden dreißig. Diese Zahlen gehören zu verschiedenen Systematiken und lassen sich nicht direkt vergleichen.

Was ist ein psychischer Abwehrmechanismus?

Ein automatisch ablaufender, unbewusster Vorgang, der die Psyche vor Erfahrungen schützt, die sie im Moment nicht verarbeiten kann. Niemand setzt ihn absichtlich ein, niemand bemerkt ihn im Augenblick seines Einsatzes. Der Mechanismus beinhaltet dabei immer beides, den Schutz und seinen Preis: Was ausgeschlossen bleibt, lässt sich auch nicht bearbeiten.

Was ist Regression als Abwehrmechanismus?

Das aktuelle Strukturniveau wird zugunsten früherer, meist kindlicherer Erlebnisweisen aufgegeben, vorübergehend oder länger anhaltend. Beispiele aus dem Alltag und die längere, strukturelle Form stehen weiter oben im Abschnitt zur Regression.

Quelle

Michael Ermann: Psychotherapie und Psychosomatik. 7., erweiterte und überarbeitete Auflage, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-17-036800-2.

Die Übersicht steht im Kapitel „Erleben und Entwicklung aus psychoanalytischer Sicht“, der Abschnitt zum Widerstand im Kapitel „Einführung in die Psychoanalyse“.

Wenn Sie Interesse an psychologischer Online-Beratung haben, können Sie hier mehr erfahren. Angebot ansehen Schließen

Ohne WartelistePer VideoWeltweit auf Deutsch

Erstgespräch

50 Minuten

Wir widmen uns dem, was Sie gerade beschäftigt, und besprechen, was Ihnen weiterhelfen könnte.

150 €
50 Minuten buchen

Ausführliches Erstgespräch

90 Minuten

Zeit, Ihre Situation in Ruhe zu schildern und an dem zu arbeiten, was Ihnen besonders wichtig ist.

270 €
90 Minuten buchen

Alle Preise sind Endpreise. Es wird keine Umsatzsteuer berechnet.

Pakete

Für weitere Gespräche, wenn Sie nach dem Erstgespräch weitergehen möchten. Preise ansehen Schließen

Einzelgespräch

1 × 50 Minuten

Ein weiterer Blick auf ein aktuelles Anliegen. Oder ein Gespräch von Zeit zu Zeit.

150 €je Gespräch
Termin buchen

Fünf Gespräche

5 × 50 Minuten

Ein Thema vertiefen, Erfahrungen aus dem Alltag aufgreifen und gemeinsam prüfen, was Ihnen hilft.

700 €140 € je Gespräch
Paket buchen

Zehn Gespräche

10 × 50 Minuten

Regelmäßige Begleitung über eine längere Lebensphase, mit Raum für neue Entwicklungen.

1.300 €130 € je Gespräch
Paket buchen

Die Pakete umfassen ausschließlich Gespräche von jeweils 50 Minuten. Das Erstgespräch wird separat gebucht und berechnet. Passt die Zusammenarbeit für Sie nicht, erstatte ich Ihnen den Betrag für die verbleibenden Paketgespräche.

Gut zu wissen

Ablauf, Vorbereitung und Kosten Ihrer Beratung. Mehr erfahren Schließen

Was bedeutet „Erstgespräch“?

Ein kostenpflichtiges Beratungsgespräch von 50 oder 90 Minuten. Wir lernen uns kennen und arbeiten bereits an Ihrem Anliegen. Sie entscheiden danach, ob Sie weitere Gespräche wünschen.

Muss ich anschließend ein Paket buchen?

Sie können es bei einem einzelnen Gespräch belassen oder weitere Termine einzeln buchen. Ein Paket ist eine zusätzliche Möglichkeit, wenn Sie sich für mehrere Gespräche entschieden haben.

Wie bereite ich mich vor?

Sie müssen nichts ausformulieren. Wenn Sie möchten, notieren Sie, was Sie beschäftigt und was Sie sich vom Gespräch wünschen. Für den Videoanruf brauchen Sie einen ungestörten Ort, eine stabile Internetverbindung sowie Kamera und Mikrofon.

Was regelt die Beratungsvereinbarung?

Vor dem ersten kostenpflichtigen Gespräch erhalten Sie die Informationen zu Leistung, Honorar, Zahlung, Terminabsagen und Vertraulichkeit, dazu den Umgang mit persönlichen Daten und die Beendigung der Zusammenarbeit.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?

Die Beratung ist ein Angebot für Selbstzahlerinnen und Selbstzahler. Eine Abrechnung über die Krankenversicherung biete ich dafür nicht an.