Bei komplexen Traumatisierungen wird es konkreter. Empfehlungsgrad B, ebenfalls neu 2026: „Für eine kPTBS nach ICD-11 sollte die psycho-therapeutische Behandlung mit einer Kombination traumafokussierter Techniken erfolgen, bei denen Schwerpunkte auf der Verarbeitung der Erinnerung an die traumatischen Erlebnisse und/oder ihrer Bedeutung liegen sowie auf Techniken zur Emotionsregulation, und zur Verbesserung des Selbstwertgefühls sowie von Beziehungsstörungen im Sinne der Bearbeitung dysfunktionaler zwischenmenschlicher Muster.“
Empfohlen wird keine Therapieschule, sondern eine Zusammensetzung. Zuerst genannt ist die Arbeit an der Erinnerung selbst, und die bleibt der Kern. Daneben stehen Emotionsregulation, Selbstwert und wiederkehrende Muster in Beziehungen, und darauf ist die tiefenpsychologische Psychotherapie gebaut. Wer damit kommt, sucht seltener eine schnelle Linderung der Symptome als eine Antwort darauf, warum sich bestimmte Muster in jeder neuen Beziehung wiederholen.
Traumafolgen treten selten allein auf. Die Leitlinie nennt Zahlen: Etwa 80 Prozent der Menschen mit einer PTBS erfüllen im Lauf ihres Lebens die Diagnose mindestens einer weiteren psychischen Störung, zwei Drittel sogar zwei oder mehr. Am häufigsten sind affektive Störungen, Angststörungen, körperliche Beschwerden ohne ausreichenden organischen Befund und Störungen durch Substanzgebrauch. Ein Grund zu warten ist das nicht. Bei zusätzlichen psychischen Erkrankungen empfiehlt die Leitlinie eine traumafokussierte Therapie mit ihrem stärksten Empfehlungsgrad. Auch bei Suizidalität, Selbstverletzung oder Substanzkonsum soll traumafokussiert behandelt werden, solange keine schweren Störungen der Verhaltenskontrolle vorliegen. Dieser Punkt beruht auf dem Konsens der Fachleute und nicht auf Studien. Vorrang bekommt eine andere Erkrankung erst dann, wenn sie verhindert, dass jemand von der Traumabehandlung überhaupt profitieren kann, etwa bei einer schweren Depression.
Genau hier beginnt die Arbeit, um die es auf dieser Seite geht. Die Leitlinie verlangt an derselben Stelle einen Gesamtbehandlungsplan. Vier Diagnosen nebeneinander sind noch keiner. Für die psychodynamische Frage zählt, was die Diagnosen verbindet. Wie viele Etiketten jemand mitbringt, zählt weniger. Entscheidend ist weniger das Syndrom als die Ätiologie, also die Entstehung. Zu viele nebeneinandergestellte Diagnosen können die Klarheit über die Entstehung behindern und die Behandlung auf einen Ausschnitt verengen.