Übertragung, und warum sie überall passiert
Übertragung und Gegenübertragung sind kein Sonderfall des Sprechzimmers. Sie geschehen in allen Beziehungen: Ein Vorgesetzter kann Züge des Vaters annehmen, die Partnerin wird zur Mutter. Umgekehrt ist nicht jede heftige Reaktion eine solche Färbung. Der Psychoanalytiker Michael Ermann nennt den Alltagsfall eine Außenübertragung, etwa in der Beziehung zum Partner oder zu Kolleginnen. Richtet sich dieselbe Färbung auf mich als Behandler, heißt sie bei ihm Binnenübertragung. Im englischen Schrifttum finden Sie beides unter transference und countertransference.
In der Therapie wird das nutzbar. Der Patient erlebt die Therapeutin unbewusst in vertrauten Rollen: Alte Muster aktualisieren sich in der gegenwärtigen therapeutischen Beziehung. Die Therapeutin spielt diese Rollen nicht mit. Dass sie diese Rollen für Momente in sich spürt, ist etwas anderes. Sichtbar werden dabei Spuren subjektiver Erfahrung, keine getreuen Abbilder der Biografie.
Ein Muster wiederholt sich bei mir über viele Behandlungen hinweg, und es ist eine Binnenübertragung in Reinform: Für manche Patientinnen und Patienten werde ich zum bösen Vater. Dann werden mir eine Haltung und Attribute zugeschrieben, die nicht zu mir gehören. Mache ich eine freundlich ausgedrückte, vorsichtige Deutung, kommt es bei ihnen als vernichtende Kritik an.