TP THEMEN

Selbsterfahrung in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie

TP THEMEN Von Haegermann 2 Min. Lesezeit Juli 2026

Wer Sie behandelt, hat selbst auf dem Patientenstuhl gesessen. Wie lange, hängt vom Verfahren ab.

Die Unterschiede zwischen den Verfahren sind größer, als die meisten Praxisseiten verraten. Und was im Studium passiert, hat mit dem, was Sie erwarten, wenig zu tun.

Inhalt

Selbsterfahrung, Lehrtherapie, Selbstreflexion: drei Wörter, drei Bedeutungen

Selbsterfahrung heißt: Wer andere psychotherapeutisch behandeln will, durchläuft zuvor eine eigene Therapie. In der psychodynamischen Weiterbildung geschieht das vor allem als Einzelselbsterfahrung, auch Lehrtherapie genannt, dazu kommt ein fester Anteil in der Gruppe.

Das Wörterbuch fasst den Begriff weiter: dort ist jede Erfahrung gemeint, die ein Mensch mit sich macht. In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie steht er für etwas Engeres, nämlich für einen vorgeschriebenen, in Stunden gezählten Teil der Ausbildung.

Die Approbationsordnung, die seit dem 1. September 2020 das Studium regelt, benutzt das Wort Selbsterfahrung an keiner einzigen Stelle. Der Begriff dort heißt Selbstreflexion: studienbegleitend in Seminaren und praktischen Übungen, mindestens zwei ECTS-Punkte im Masterstudium.

Zwei ECTS-Punkte sind ein Modul unter vielen. Wer wissen will, was seine Behandlerin an eigener Arbeit hinter sich hat, fragt nach der Weiterbildung. Das Studium sagt darüber wenig.

Warum die Gefühle im Behandlungszimmer zum Handwerk gehören

Selbsterfahrung heißt: Wer andere psychotherapeutisch behandeln will, durchläuft zuvor eine eigene Therapie. In der psychodynamischen Weiterbildung geschieht das vor allem als Einzelselbsterfahrung, auch Lehrtherapie genannt, dazu kommt ein fester Anteil in der Gruppe.

Das Wörterbuch fasst den Begriff weiter: dort ist jede Erfahrung gemeint, die ein Mensch mit sich macht. In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie steht er für etwas Engeres, nämlich für einen vorgeschriebenen, in Stunden gezählten Teil der Ausbildung.

Die Approbationsordnung, die seit dem 1. September 2020 das Studium regelt, benutzt das Wort Selbsterfahrung an keiner einzigen Stelle. Der Begriff dort heißt Selbstreflexion: studienbegleitend in Seminaren und praktischen Übungen, mindestens zwei ECTS-Punkte im Masterstudium.

Zwei ECTS-Punkte sind ein Modul unter vielen. Wer wissen will, was seine Behandlerin an eigener Arbeit hinter sich hat, fragt nach der Weiterbildung. Das Studium sagt darüber wenig.

Warum die Gefühle im Behandlungszimmer zum Handwerk gehören

Die Gefühle des Behandlers gehören zum Verfahren. Die Psychotherapie-Richtlinie definiert die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ausdrücklich als Behandlung unter Beachtung von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand. Die eigene Reaktion ist damit Gegenstand der Arbeit und nicht ihr Störfaktor.

Eigene Gefühle in der Behandlung, die Gegenübertragung, sind unvermeidlich und diagnostisch wertvoll. Entscheidend ist, sie unterscheiden zu können: was von innen kommt und zur eigenen Geschichte gehört, und was dieser Patient auslöst.

Wer die eigenen Muster kennt, kann die eigene Reaktion in der therapeutischen Beziehung gezielt als Information nutzen. Das schützt die Patienten und gibt zugleich Auskunft über die internalisierten Beziehungsmuster des Gegenübers.

Nach meiner Erfahrung ist genau das der Ertrag der eigenen Therapie: unterscheiden zu können, was meine eigenen Gefühle und Gedanken sind und was möglicherweise vom Gegenüber ausgelöst ist. Es hilft mir außerdem, mich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Wie viel vorgeschrieben ist

Zwischen 100 und 330 Einheiten, je nach Verfahren. Eine Einheit umfasst 45 Minuten. Anders als in vielen beratenden Berufen ist sie in der Psychotherapie verpflichtend.

Verfahren Selbsterfahrung in der Weiterbildung
Analytische Psychotherapie 250 Einheiten einzeln und 80 in der Gruppe
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie 125 Einheiten, davon 80 in der Gruppe
Verhaltenstherapie 100 Einheiten, davon 80 in der Gruppe
Systemische Therapie 100 Einheiten, davon 80 in der Gruppe

Der Gruppenanteil ist bei allen vier Verfahren gleich. Der ganze Unterschied liegt im Einzelsetting: rechnerisch bleiben in der analytischen Psychotherapie 250 Einheiten, in der tiefenpsychologisch fundierten 45 und in der Verhaltenstherapie 20. Das ist genau die Reihenfolge, in der Übertragung und Gegenübertragung in den drei Verfahren eine Rolle spielen.

Diese Zahlen gelten für die Weiterbildung, die seit der Reform des Psychotherapeutengesetzes auf Studium und Approbation folgt. Wer die frühere Ausbildung durchlaufen hat, fällt unter die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung von 1998: 120 Stunden für alle Verfahren gleichermaßen.

Erst mit der Weiterbildung kam die Aufteilung nach Verfahren. Ein direkter Vergleich der beiden Zahlen führt in die Irre, weil die alte Verordnung von Stunden spricht und die neue von Einheiten zu 45 Minuten. Die alte Ausbildung läuft noch bis zum 1. September 2032, in Härtefällen bis zum 31. August 2035.

Wer sie anbieten darf

Nur anerkannte Leitungen, und die Anerkennung hängt an der Unabhängigkeit. Schon die alte Verordnung schloss aus, wer mit der Kandidatin verwandt ist oder zu wem sie in wirtschaftlicher oder dienstlicher Abhängigkeit steht. Die Approbationsordnung zieht dieselbe Linie im Studium: prüfen soll, wer das Modul nicht unterrichtet hat.

Der Grund liegt auf der Hand. In der eigenen Therapie kommt zur Sprache, was niemand gern vor jemandem ausbreitet, der später über die Zulassung zur Prüfung mitentscheidet.

Was Ihnen das als Patientin oder Patient bringt

Weniger Sicherheit, als die Zahlen nahelegen. Ob Selbsterfahrung das Behandlungsergebnis verbessert, ist nicht belastbar untersucht. Die Stundenzahl in einer Weiterbildungsordnung sagt etwas über den Aufwand aus, den jemand betrieben hat, und sonst nichts.

Ich denke trotzdem: Je besser eine Therapeutin sich versteht, desto besser kann sie behandeln. Das ist meine Position, und die Studienlage dazu ist dünn.

Therapeuten, die wenig oder keine eigene Therapie hinter sich haben, erlebe ich als orientierungs- und hilflos. Sie verstecken sich häufig hinter Ratschlägen und Theorien. Ihre Erlebensmuster bleiben oft unverarbeitet, und mit bestimmten Gefühlen in der Behandlung kommen sie deshalb nicht klar.

Fragen Sie ruhig nach. Bei der Antwort darauf, wie viele Therapien jemand hinter sich hat, ist weniger die Anzahl der Stunden oder Jahre interessant als die Art und Weise, wie mit der Frage umgegangen wird.

Häufig gestellte Fragen

Muss mein Therapeut selbst in Therapie gewesen sein?

Ja. Selbsterfahrung ist auf beiden Wegen verpflichtend, in der alten Ausbildung wie in der heutigen Weiterbildung. Der Umfang unterscheidet sich je nach Verfahren.

Darf ich meinen Therapeuten fragen, ob er selbst in Therapie war?

Ja, und die meisten antworten ohne Zögern darauf. Wer ausweicht, gibt Ihnen damit auch eine Antwort.

Warum ist tiefenpsychologische Therapie so anstrengend?

Weil sie an Mustern arbeitet, die sich über Jahre gebildet haben, und weil das Erleben im Raum dazugehört. Wer diese Arbeit hinter sich hat, weiß, was er Ihnen zumutet.

Ist Selbsterfahrung dasselbe wie Lehranalyse?

Lehranalyse ist die Bezeichnung im psychoanalytischen Bereich, Lehrtherapie die im tiefenpsychologischen. Beide meinen die Einzelselbsterfahrung. Der Anteil in der Gruppe kommt in beiden Verfahren dazu.