Der niedrigere Rang beruht auf einzelnen, nach Qualitätsmängeln abgestuften Studien. IIa heißt laut Leitlinie: „Evidenz aus zumindest einer methodisch gut kontrollierten Studie ohne Randomisierung.” B+ heißt: „‚Sollte’-Empfehlung: Gut durchgeführte klinische Studien, aber keine randomisierten klinischen Studien, mit direktem Bezug zur Empfehlung (Evidenzebenen II oder III) oder Extrapolation von Evidenzebene I, falls der Bezug zur spezifischen Fragestellung fehlt.”
Das klingt nach einem Widerspruch, denn es gibt randomisierte Studien zur psychodynamischen Therapie bei Panikstörung. Milrod 2007 ist eine davon. Die Leitlinie stuft sie trotzdem herab, und sie sagt auch warum: „Bei hier identifizierten methodischen Mängeln wurde der Evidenzgrad herabgestuft (z.B. bei einem RCT mit moderaten Mängeln von Ib auf IIb; bei gravierenden Mängeln auf IV).”
Wie das im Einzelfall aussieht, zeigt die Leitlinie an einer Studie, die an zwei Standorten gleichzeitig lief. Sie kürzt die psychodynamische Therapie dabei als PDTh ab und hält zu jedem Standort einen eigenen Satz fest. Zum Standort CORNELL schreibt sie, die Studie „zeigt keine Überlegenheit der PDTh gegenüber der Kontrollgruppe; sie kann auch nicht zum Beleg der Gleichwirksamkeit von KVT und PDTh herangezogen werden.” Zum Standort PENN steht dort, sie „zeigt Unterlegenheit der PDTh gegenüber der KVT und sogar gegenüber der Kontrollgruppe.” Dieselbe Studie, dasselbe Vorgehen, zwei verschiedene Ergebnisse. Genau solche Befunde drücken den Evidenzgrad nach unten.
Das Cochrane-Netzwerk zu Psychotherapien bei Panikstörung liefert die sauberste Erklärung. Es wertet 54 Studien mit 3.021 Patientinnen und Patienten aus. Für den wichtigsten Endpunkt, die Rückbildung der Symptome nach kurzer Zeit, standen 32 Studien zur KVT nur zwei Studien zur psychodynamischen Therapie gegenüber. Die Evidenzqualität war für das gesamte Netzwerk durchgehend niedrig. Zwei Studien gegen zweiunddreißig ergeben keine Gleichrangigkeit. Sie ergeben allerdings genauso wenig eine Unterlegenheit.
Die Autoren halten nämlich zugleich fest, dass die psychodynamische Therapie in den beiden verfügbaren Studien vielversprechend abschnitt, dass sie unter allen untersuchten Psychotherapien am besten vertragen wurde, gemessen an den Abbrecherquoten, und dass auf lange Sicht die KVT und die psychodynamische Therapie die höchsten Remissions- und Ansprechraten zeigten. Alle diese Unterschiede seien klein oder unpräzise, schreiben sie dazu. Woran es fehlt, sind die Studien.
Es gibt eine Gegenlesart, und sie gehört dazu. Keefe und Kollegen werteten 2014 vierzehn randomisierte Studien mit 1.073 Patientinnen und Patienten aus und fanden psychodynamische Therapie ebenso wirksam wie andere Behandlungen bei Angststörungen. Die Leitlinie schließt diese Metaanalyse trotzdem aus ihrer Bewertung aus, mit Begründung: sie habe die Kriterien der Leitlinie nicht erfüllt, ebenso wenig die Mehrzahl der eingeschlossenen Einzelstudien.
Seit die Leitliniengruppe ihre Literatur gesichtet hat, sind allerdings zwei Netzwerk-Metaanalysen erschienen, die genau diese beiden Störungsbilder einzeln untersuchen. Sie standen der Leitlinie noch nicht zur Verfügung, und sie ändern das Bild in zwei Richtungen.
Zur Panikstörung mit und ohne Agoraphobie werteten Papola und Kollegen 2022 im British Journal of Psychiatry 136 randomisierte Studien aus. Gegenüber der üblichen Behandlung schnitten zwei Verfahren am besten ab, die KVT und die psychodynamische Kurzzeittherapie. Das Vertrauen in die Befunde war dabei ungleich verteilt, moderat bei der KVT und niedrig bei der psychodynamischen Therapie, und nach Ausschluss der Studien mit hohem Verzerrungsrisiko blieb nur die KVT der üblichen Behandlung überlegen. Der Schluss der Autoren lautet trotzdem, beide seien vertretbare Behandlungen der ersten Wahl.
Zur generalisierten Angststörung werteten Papola und Kollegen 2024 in JAMA Psychiatry 65 randomisierte Studien mit 5.048 Teilnehmenden aus. Die psychodynamische Therapie war eines der acht untersuchten Verfahren. Der üblichen Behandlung überlegen waren dort die KVT, die Verfahren der dritten Welle und die Entspannungstherapie; die psychodynamische Therapie gehörte nicht dazu. Drei bis zwölf Monate nach Behandlungsende hielt der Vorsprung nur noch bei der KVT. Zwischen den Psychotherapien untereinander fand die Arbeit allerdings keinen belegbaren Wirksamkeitsunterschied.
Zusammengenommen heißt das: Bei der generalisierten Angststörung ist die KVT die am besten abgesicherte Wahl, deutlicher noch, als die Leitlinie von 2021 es sagt. Bei der Panikstörung dagegen steht die psychodynamische Kurzzeittherapie in der neueren Arbeit besser da als im deutschen Leitlinientext.