VERFAHREN

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie einfach erklärt: Wie sie wirkt und was sie verändert

VERFAHREN Von Haegermann Mai 2026

Inhalt

Wie frühe Muster entstehen und wie sie sich verändern

Die Prägungen unserer Kindheit formen uns auf eine Weise, die wir oft lange nicht bemerken. Besonders die Beziehungen zu unseren ersten Bezugspersonen hinterlassen Spuren in der Art, wie wir fühlen, denken und handeln.

Als Kind fehlt uns die Freiheit, uns bewusst für bestimmte Verhaltensweisen zu entscheiden. Wir übernehmen, was uns vorgelebt wird. Wir entwickeln Strategien, um mit dem umzugehen, was uns begegnet. Ein Kind, das immer wieder erlebt, dass seine Gefühle nicht ernst genommen werden, lernt, sie zu verbergen. Ein anderes Kind, das für Leistung gelobt und für Fehler kritisiert wird, entwickelt möglicherweise die Überzeugung: Ich bin nur wertvoll, wenn ich perfekt bin. In der Transaktionsanalyse trägt ein solches Muster einen eigenen Namen: den „Sei perfekt“-Antreiber.

Was bedeutet tiefenpsychologisch fundiert an dieser Stelle konkret? Es heißt, dorthin zu schauen, wo diese Muster entstanden sind, statt nur am heutigen Verhalten anzusetzen.

Tiefenpsychologisch fundierte Therapie macht spürbar, was uns unbemerkt steuert: alte Gefühle, Beziehungsmuster, Erfahrungen, die sich ins Erleben eingeschrieben haben.

Was sich verändern soll, muss erst lebendig werden. Die Veränderung geschieht im Kontakt: wenn ein altes Erleben im Gegenüber auf eine andere Reaktion trifft als erwartet. Wenn Gefühle ausgedrückt und ernst genommen werden, oder Wertschätzung auch ohne Leistung kommt. Dann entsteht Raum für etwas Neues.

Das Eisberg-Modell

Eisbergmodell der psychodynamischen Psychotherapie mit Bewusstsein über der Oberfläche und Vorbewusstem Unbewusstem Abwehrmechanismen Es Ich Über Ich und Beziehungsvorstellungen unter der Oberfläche

Drei Ebenen der Psyche

Über der Wasseroberfläche liegt das Bewusstsein. Alles, was wir klar wahrnehmen: unsere Handlungen, Gedanken, Sprache und die Gefühle, die wir bemerken. Der Teil von uns, den wir zu kennen glauben.

Knapp darunter liegt das Vorbewusstsein. Was hier ruht, ist uns nicht ständig zugänglich, aber wir kommen daran, wenn wir den Blick dorthin richten: eine Stimmung, die im Hintergrund mitschwingt, eine Erinnerung, die sich abrufen lässt, ein Reaktionsmuster, das so vertraut geworden ist, dass es von allein abläuft.

Den größten Teil des Eisbergs aber sehen wir nicht. Das  Unbewusste.

Es, Ich und Über-Ich

Das Bild zeigt, wie viel oder wie wenig uns von uns selbst bewusst ist. Doch in dieser Tiefe wirken zugleich mehrere Kräfte, und sie verteilen sich über alle Ebenen.

Da ist das Es: der Ort unserer Triebe und Grundbedürfnisse. Der Wunsch nach Nähe, nach Anerkennung, nach Lust, nach Schutz. Das Es fragt nicht, ob etwas erlaubt ist. Es will. Und es bleibt uns am tiefsten entzogen, fast ganz unter Wasser.

Ihm gegenüber steht das Über-Ich: die verinnerlichten Normen und Verbote, die Regeln und Ideale, die wir von unseren Bezugspersonen übernommen haben. Es sagt uns, was wir dürfen und was nicht, oft in genau dem Ton, in dem es uns einmal gesagt wurde. Manchmal hören wir seine Stimme ganz deutlich. Manchmal wirkt sie aus dem Verborgenen.

Zwischen beiden vermittelt das Ich. Es organisiert, wer wir sind, und regelt, wie wir mit dem umgehen, was in uns drängt und was uns verboten ist. Ein Teil davon ist uns bewusst. Vieles, darunter unsere Abwehr, läuft unbemerkt ab.

Beziehungsrepräsentanzen

Die klassischen Instanzen beschreiben, wie unsere Psyche arbeitet: was drängt, was steuert, was verbietet. Beziehungsrepräsentanzen beschreiben, woraus unser Innenleben besteht: konkrete Szenen, in denen ein Bild von uns selbst, ein Bild des anderen und das verbindende Gefühl zusammenkommen.

Und diese Szenen kommen zuerst. Die Instanzen entstehen nicht als fertige Strukturen, die man dann befüllt; sie bilden sich erst aus früh wiederholten Begegnungsmustern heraus. Beziehungsrepräsentanzen sind der Stoff, aus dem innere Welt gemacht ist. Das Material kommt vor der Funktion. Es, Ich und Über-Ich arbeiten ein Leben lang an etwas, das vor ihnen Form angenommen hat.

Diese Bilder sind kein weiteres Stockwerk neben den anderen. Sie sind der Stoff, aus dem unsere innere Welt überhaupt gemacht ist. Es, Ich und Über-Ich arbeiten an ihnen und mit ihnen.

Das Unbewusste bleibt nicht unter Wasser. Von uns selbst weitgehend unbemerkt, wird es sichtbar in der aktuellen Beziehungswelt. Im Beruf, in der Partnerschaft, in der Therapie taucht auf, was unter der Oberfläche wirkt.

Junges Totenkopfäffchen sitzt aufmerksam auf einem Ast im grünen Blätterdach, ein Sinnbild für frühe Prägung und die natürliche Anpassung an die Umgebung in der Kindheit

Angst und Abwehr

Auf dem Bild liegt zwischen dem Bewusstsein und allem, was darunter ruht, eine Trennlinie. Sie steht für die Abwehr.

Die Psyche lässt nicht alles, was in ihr vorgeht, ungehindert ins Bewusstsein. Sie hält manches fern, ordnet manches um, hält manches auseinander, und das meiste davon, ohne dass wir etwas davon bemerken.

Warum?

Weil manche Gefühle, Wünsche und Erinnerungen mit Angst verbunden sind, der Angst, die Liebe wichtiger Menschen zu verlieren. Der Angst, bestraft oder beschämt zu werden. Und einer noch grundlegenderen: der Angst, von einem Gefühl überflutet zu werden, das sich nicht aushalten lässt.

Ein Kind, das spürt, dass seine Wut die Beziehung zu den Eltern bedroht, steht vor einem Problem. Die Wut ist da. Aber sie zu zeigen scheint gefährlich. Also tut die Psyche das, was in diesem Moment am sinnvollsten ist: Sie schafft die Wut aus dem Bewusstsein. Das Kind spürt sie nicht mehr. Und mit der Wut verschwindet auch die Angst.

Gefühl
Impuls · Wunsch
Angst
innere Spannung
Abwehr
Schutz-
strategie
aktiviert führt zu verdeckt

Abwehrmechanismen sind kein Defekt. Sie sind eine Leistung der Seele, oft eine kluge, die uns durch eine Zeit getragen hat, in der wir keine andere Wahl hatten.

Abwehr als Filter
Es gibt viele solcher Mechanismen, und sie arbeiten nicht alle gleich. Die einen antworten auf einen Konflikt, also auf einen Wunsch, der mit einem verinnerlichten Verbot zusammenstößt. Sie tun das, indem sie etwas unter die Schwelle des Bewusstseins drücken. Vier Beispiele:

Verdrängung: Ein unerträgliches Gefühl, eine bedrohliche Erinnerung wird so weit weggeschoben, dass wir am Ende nicht einmal mehr wissen, dass es sie gab.
Verschiebung: Der Ärger über den Vorgesetzten trifft am Abend die Familie. Das Gefühl richtet sich gegen ein weniger gefährliches Ersatzobjekt, weil das eigentliche zu riskant wäre.
Reaktionsbildung: Wer Nähe fürchtet, gibt sich betont unabhängig. Wer die eigene Wut nicht zulassen darf, ist auffällig freundlich. Der verbotene Impuls erscheint als sein Gegenteil.
Rationalisierung: Der eigentliche Grund bleibt unbewusst, ein anderer, akzeptablerer tritt an seine Stelle. Jemand bewirbt sich nicht auf die ersehnte Stelle und erklärt sich überzeugend, die Bedingungen wären ohnehin schlecht gewesen.
So verschieden diese vier wirken, sie setzen alle dasselbe voraus: ein einigermaßen festes inneres Bild von uns selbst und von den Menschen, die uns wichtig sind. Nur dann kann ein Gefühl im Verborgenen weiterwirken, ohne dass das ganze Bild zerbricht.

Abwehr als Spaltung
Spaltung ist älter als diese Mechanismen und arbeitet anders. Sie versteckt kein Gefühl. Sie verändert das Bild, das wir uns von einem Menschen machen.

Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf den Anfang. Ein sehr kleines Kind erlebt seine Mutter in getrennten Momenten: Mal ist sie da, wärmend und gut. Mal ist sie unerreichbar, und in diesem Moment ist sie für das Kind ganz und gar schlecht. Diese beiden Mütter gehören noch nicht zusammen. Das Kind kann noch nicht denken: Das ist dieselbe Person, die mich liebt und mich gerade trotzdem warten lässt.

Im Lauf der ersten Lebensjahre wächst diese Fähigkeit. Etwa zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr wird sie fester. Das Kind kann nun ein einziges, ganzes Bild von einem Menschen in sich tragen, ein Bild, das Gutes und Schlechtes zugleich enthält. Dieses Bild bleibt bestehen, auch wenn der Mensch gerade ärgerlich, enttäuschend oder nicht erreichbar ist. Die Mutter ist nicht verschwunden, weil sie verärgert ist. Sie ist immer noch dieselbe.

Solange diese Fähigkeit fehlt, bleibt nur ein Ausweg: das Unvereinbare auseinanderzuhalten:

Spaltung: Menschen und Situationen werden in nur gut oder nur böse geteilt. Nicht aus Bosheit, sondern weil das Zwiespältige, denselben Menschen zu lieben und zugleich auf ihn wütend zu sein, mehr innere Spannung erzeugen würde, als sich tragen lässt. Das Gefühl verschwindet dabei nicht im Unbewussten. Das Bild des anderen zerfällt in zwei getrennte Hälften, eine gute und eine böse, die einander abwechseln.
Projektion: Ein eigenes Gefühl, das wir an uns nicht ertragen, nehmen wir bei anderen wahr. Nicht ich bin wütend, der andere ist es. Das Gefühl wird nicht begraben, sondern verlagert: aus dem eigenen Inneren in einen anderen Menschen.
Verleugnung: Eine Realität, die zu schmerzhaft wäre, wird schlicht nicht wahrgenommen.
Um nur einige Spaltungsmechanismen zu nennen. Diese frühe Form der Abwehr antwortet auf die grundlegendste der genannten Ängste: die Angst, überflutet zu werden. Wer noch kein verlässliches inneres Bild hat, das ein widersprüchliches Gefühl halten könnte, dem droht das Gefühl über den Kopf zu wachsen. Das Auseinanderhalten ist dann kein Verbergen, sondern ein Schutz vor dem Zuviel.

Der Preis der Abwehr
So sinnvoll diese Mechanismen einmal waren: Mit der Zeit haben sie ihren Preis.

Das Abgewehrte verschwindet nicht. Was unter Wasser gehalten wird, drängt nach Ausdruck. Es kostet Kraft, es dauerhaft unten zu halten, Kraft, die für anderes fehlt. Und es verzerrt unsere Wahrnehmung: Wer als Kind seine Wut wegsperren musste, spürt sie als Erwachsener oft auch dann nicht, wenn sie berechtigt und nötig wäre. Wer Nähe als gefährlich abgespeichert hat, hält Menschen auf Abstand, die ihm guttun würden.

Was auseinandergehalten wird, bleibt geteilt. Die Welt zerfällt dann immer wieder in Gut und Böse: Menschen werden idealisiert und bald darauf entwertet, Beziehungen schlagen von Nähe in Enttäuschung um. Und wenn das Auseinanderhalten einmal misslingt, bricht genau das herein, wovor es schützen sollte: ein Gefühl, das überflutet.

Der Schutz, der früher half, engt heute ein.

Wie Symptome entstehen

An dieser Stelle wird oft ein Symptom geboren. Meist braucht es dafür einen Auslöser: eine aktuelle Situation, die im Muster genau dem alten, unbewussten Konflikt gleicht, den verdrängten Konflikt wiederbelebt und die Abwehr ins Wanken bringt. Dann tritt das Symptom als eine Art Notlösung ein.

1

Auslöser
Eine aktuelle Situation berührt etwas emotional Wichtiges.

2

Gefühl und Spannung
Innere Konflikte, Angst oder alte Erwartungen werden aktiviert.

3

Schutzreaktion
Rückzug, Kontrolle, Grübeln oder Anpassung entlasten kurzfristig.

4

Symptom
Die Spannung zeigt sich zum Beispiel als Angst, Erschöpfung oder Konflikt.

5

Wiederholung
Das alte Muster bestätigt sich und wird beim nächsten Mal schneller aktiviert.

6

Therapeutisches Verstehen
Das Muster wird sichtbar, fühlbar und veränderbar.

Bei einem großen Teil der Beschwerden, den klassischen neurotischen Symptomen, ist es ein Kompromiss: Es hält den Konflikt und die damit verbundene Angst aus dem Bewusstsein und lässt zugleich etwas vom Verbotenen durch, in verschlüsselter Form. Der Konflikt bleibt unbewusst, aber um den Preis des Symptoms.

Ein Beispiel. Ein Mensch ist tief verletzt und zugleich wütend auf einen Elternteil, den er nach wie vor liebt und braucht. Diese Wut zu spüren scheint gefährlich: Sie könnte die Bindung bedrohen und ruft Schuldgefühle hervor. Also wird sie aus dem Bewusstsein gehalten. Verschwunden ist sie damit nicht. Sie kehrt verwandelt zurück, etwa als beständige, quälende Sorge, dem Elternteil könnte etwas zustoßen. Genau darin liegt der Kompromiss: Der feindselige Impuls bekommt einen verkappten Ausdruck, aus „Ich könnte dir Böses wünschen“ wird „Ich fürchte, dir geschieht Böses“, und wird im selben Zug ins Gegenteil verkehrt. Die Sorge beweist Liebe statt Hass und kostet den Betroffenen zugleich seine Ruhe. Der eigentliche Konflikt bleibt verborgen, und ist doch die ganze Zeit am Werk.

Oder: Jemand hat früh gelernt, dass Bedürftigkeit beschämend ist, dass man stark und unabhängig zu sein hat. Die Sehnsucht nach Nähe und Fürsorge bleibt, aber sie offen zu zeigen, ist unmöglich. Stattdessen treten wiederkehrende körperliche Beschwerden auf, die ihn zwingen, kürzerzutreten, und andere veranlassen, sich um ihn zu kümmern. Auch das ist ein Kompromiss: Die ersehnte Fürsorge stellt sich ein, aber auf verschlüsseltem Weg, über das Symptom statt über die Bitte. Die Scham, offen bedürftig zu sein, bleibt ihm erspart, und bezahlen muss er mit der Beschwerde.

Nicht jedes Symptom entsteht so. Manche Beschwerden gehen nicht auf einen verdrängten Konflikt zurück, sondern darauf, dass innere Werkzeuge fehlen: die Fähigkeit etwa, Gefühle zu regulieren, Beziehungen zu halten, das eigene Selbstwertgefühl zu stützen. Hier verbirgt das Symptom nichts, es legt einen Mangel offen. Oft zeigt sich das gerade dann, wenn das Leben etwas verlangt, das nie gelernt werden konnte: in einer neuen Beziehung, beim Schritt in Ausbildung oder Beruf.

Traumafolgestörungen entstehen aus einer Erfahrung, die so überwältigend war, dass sie sich nicht einordnen und verarbeiten ließ. Hier wird in Situationen, die an das Geschehene erinnern, das alte Erleben wieder lebendig, oft so, als geschähe es jetzt, und nicht als ferne Erinnerung.

Diese drei Wege, Konflikt, Entwicklungsdefizit und Trauma, führen zu verschiedenen Beschwerden und verlangen verschiedene Therapien.

Wenn Beschwerden vor allem mit belastenden oder traumatischen Erfahrungen zusammenhängen, kann auch eine spezifische Traumatherapie wie EMDR sinnvoll sein.

Auslöser
Situation
Konflikt
wird reaktiviert
Symptom
als Kompromiss
Aufdecken & Durcharbeiten
Konflikt bewusst machen
Konflikt bleibt unbewusst
Strukturdefizit
wird überlastet
Dekompensation
Defizit wird sichtbar
Stützen & Üben
Nachreifung in der Beziehung
Defizit bleibt bestehen
Trauma
wird reaktiviert
Wiedererleben
statt Erinnerung
Stabilisieren & Traumatherapie
Sicherheit vor Konfrontation
Trauma bleibt unintegriert

Das Ziel der tiefenpsychologisch fundierten Behandlung

In der tiefenpsychologischen Psychotherapie geht es darum, die inneren und äußeren Auslöser zu identifizieren, die zu den aktuellen Beschwerden geführt haben. Sie zielt nicht darauf ab, die gesamte Persönlichkeit umzukrempeln oder die komplette Lebensgeschichte aufzuarbeiten.

Es geht darum, gemeinsam mit dem Patienten nur die Aspekte zu verstehen und zu verändern, die an der aktuellen Problematik beteiligt sind. So können im Rahmen der Behandlung verzerrte Sichtweisen korrigiert, Defizite nachgelernt und aktuelle Lebenssituationen besser bewältigt werden. Diese Fokussierung unterscheidet das tiefenpsychologische Verfahren von der klassischen Psychoanalyse, die umfassender und langfristiger angelegt ist.

Ob eine Therapie tiefenpsychologisch fundiert oder als Psychoanalyse angelegt ist, entscheidet sich vor allem am Umfang und am Fokus. Beide Verfahren teilen dasselbe Verständnis vom Unbewussten. Die Psychoanalyse arbeitet breiter und über längere Zeit, das tiefenpsychologische Vorgehen bleibt bei dem, was die aktuellen Beschwerden trägt.

Nicht jede tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie wirkt gleich

Die tiefenpsychologische Psychotherapie arbeitet auf zwei unterschiedlichen Wegen, je nachdem, welche Art von Problem vorliegt.

Konfliktorientierte Arbeit

Verdrängte Konflikte wirken, solange sie im Dunkeln bleiben. In der Therapie werden sie ans Licht geholt: Sie als Patient erkennen, was Sie eigentlich bewegt, welche alten Wünsche, Ängste oder Verletzungen bis heute nachwirken.

Aber Erkennen allein reicht nicht. Was damals nicht sein durfte, braucht jetzt Raum: Die Trauer, die nie getrauert wurde. Die Wut, die nie gezeigt werden durfte. Die Sehnsucht, die als Schwäche galt. In der Therapie können diese Gefühle endlich ausgedrückt werden und auf ein Gegenüber treffen, das ihnen mit Verständnis und Akzeptanz begegnet.

Das verändert etwas Grundlegendes. Sie erfahren spürbar, dass Ihre Gefühle erlaubt und dass Sie mit ihnen verstehbar sind. Was jahrelang im Verborgenen Macht ausübte, verliert seinen Schrecken.

In meiner Praxis habe ich oft erlebt, wie kraftvoll dieser Moment sein kann: wenn jemand zum ersten Mal ausspricht, was er jahrelang vor sich selbst verborgen hat und merkt, dass er deswegen nicht verurteilt wird.

Ähnliche Gedanken finden sich auch in der Gestalttherapie, die stärker mit Bewusstheit, unmittelbarem Erleben und dem arbeitet, was im Kontakt gerade spürbar wird.

Fehlende Fähigkeiten nachreifen lassen

Innere Fähigkeiten entwickeln sich ursprünglich in Beziehungen. Ein Kind lernt, sich zu beruhigen, weil es oft genug beruhigt wurde. Es kann sich trösten, weil es getröstet wurde. Es kann sich selbst positiv betrachten, weil es positiv gesehen wurde.

Was damals fehlte, kann später nachgeholt werden. Der Therapeut beruhigt, wo niemand beruhigt hat. Er sieht etwas Wertvolles, wo Sie vielleicht nur Mangel sehen.

Das ist keine Belehrung, sondern Erleben. Sie erfahren, dass jemand bei Ihnen bleibt, wenn Sie aufgewühlt sind und werden mit der Zeit selbst fähig, sich zu beruhigen. Sie erfahren Trost und lernen, sich selbst zu trösten. Nach und nach wird diese äußere Erfahrung zu einer inneren Fähigkeit.

Wenn alte Muster im Raum auftauchen

Am Anfang war von einem Bild die Rede: Das Unbewusste bleibt nicht unter Wasser, es sucht sich einen Ort, an dem es sichtbar wird. Dieser Ort ist auch die therapeutische Beziehung.

Was ein Mensch früh über sich und andere gelernt hat, bringt er unbemerkt in jede neue Beziehung mit, also auch in die zu mir. Wer erfahren hat, dass auf Nähe Enttäuschung folgt, erwartet die Enttäuschung auch hier. Wer gelernt hat, dass Gefühle nicht erwünscht sind, hält sie auch im Therapieraum zurück. Dieses Wiederauftauchen alter Beziehungsmuster im Hier und Jetzt nennt man Übertragung. Erkennen lässt es sich oft daran, dass eine Reaktion zur tatsächlichen Situation nicht recht passt, von einem starken Gefühl begleitet ist und sich durch vernünftige Erklärungen kaum auflösen lässt.

Die Übertragung ist kein Störfall, sondern eine Chance. Was sonst nur erzählt würde, wird in der Beziehung unmittelbar spürbar, und gerade dadurch bearbeitbar.

Frühe Beziehungen
Erwartungen · Prägungen
Heute
Partner · Arbeit · Familie
Therapie
Verstehen im Hier und Jetzt
Kernidee
Die Therapie fragt nicht nur was aktuell passiert sondern auch ob sich alte Erwartungen an Nähe Distanz Kritik oder Anerkennung in heutigen Beziehungen wiederholen.

Auch in mir als Therapeut lösen diese Muster etwas aus. Ich spüre vielleicht den Druck, beruhigend einzuspringen, oder eine leise Gereiztheit, oder den Wunsch, mich zurückzuziehen. Diese inneren Reaktionen nennt man Gegenübertragung. Statt ihnen einfach zu folgen, frage ich mich: Warum reagiere ich gerade so? Was sagt das über das, was sich zwischen uns gerade abspielt? So wird mein eigenes Erleben zu einem Instrument, das hilft, die innere Welt eines Menschen zu verstehen, die sich mit Worten allein oft nicht erschließt.

Hier schließt sich der Kreis zu dem, was diese Therapieform im Kern ausmacht. Das alte Muster wird nicht nur verstanden, es taucht in der Beziehung wieder auf und trifft dort auf eine andere Antwort als die erwartete. Genau in diesem Unterschied liegt die korrigierende Erfahrung, von der schon die Rede war.

Die Beziehung in der tiefenpsychologischen Therapie ist mehr als ein Rahmen

In der tiefenpsychologischen Therapie ist die Beziehung zwischen Ihnen und mir nicht bloß der Rahmen, in dem Heilung stattfindet. Sie ist selbst ein zentraler Faktor im therapeutischen Prozess.

Vertrauen, Empathie und Verlässlichkeit schaffen die Voraussetzungen, unter denen Veränderung für Patienten überhaupt möglich wird. Für viele Menschen ist das korrigierende Erleben dieser Beziehung bereits ein wesentlicher Teil der Heilung: Stabilität erfahren, angenommen werden, emotionale Präsenz spüren. Was in der Kindheit gefehlt hat, lässt sich hier zum ersten Mal anders erleben.

Aber eine gute Atmosphäre allein genügt nicht für eine wirksame Behandlung. Erst wenn schwierige, konflikthafte Dynamiken aktiv aufgegriffen und bearbeitet werden, entfaltet die Beziehung ihre volle therapeutische Tiefe. Die Qualität der Beziehung ist damit beides zugleich: Voraussetzung guter therapeutischer Arbeit und ihr Ergebnis.

Welche Faktoren Psychotherapie allgemein wirksam machen, beschreibe ich ausführlicher im Artikel „Was wirkt in der Psychotherapie?

Makaken-Mutter sitzt auf einem Stein im Regenwald und hält ihr Jungtier schützend an ihre Brust gedrückt

Veränderung braucht Zeit und Geduld

Tiefenpsychologische Therapie verspricht keine schnellen Lösungen. Die Muster, die uns heute belasten, haben sich über Jahre oder Jahrzehnte entwickelt. Sie zu verstehen und zu verändern, braucht Zeit. Es erfordert auch die Bereitschaft, sich auf einen Prozess einzulassen, der nicht immer angenehm ist.

Wie lange eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie dauert, steht nicht von vornherein fest. Die Kurzzeittherapie umfasst bis zu 24 Sitzungen, die Langzeittherapie bis zu 100.

Wenn Sie Interesse an dieser Art der Behandlung haben, können Sie sich gerne an mich wenden.

Was Online Psychotherapie bei mir bedeutet, lesen Sie auf meiner Startseite.

 

Häufig gestellte Fragen zur tiefenpsychologisch fundierten Therapie

Was bedeutet „tiefenpsychologisch fundiert“?

„Tiefenpsychologisch“ bedeutet, dass das Verfahren mit dem Unbewussten arbeitet, mit Gefühlen, Mustern und Überzeugungen, die uns nicht bewusst zugänglich sind, aber unser Erleben bestimmen. „Fundiert“ verweist auf die wissenschaftliche Grundlage in der Psychoanalyse. Im internationalen Sprachgebrauch wird die tiefenpsychologisch fundierte Behandlung auch als psychodynamische Psychotherapie bezeichnet, im deutschen Sprachraum manchmal auch als dynamische Psychotherapie.

Bei welchen psychischen Störungen und Erkrankungen ist das Verfahren wirksam?

Das tiefenpsychologisch fundierte Verfahren ist bei einer breiten Palette psychischer Störungen wissenschaftlich als wirksam belegt. Psychische Störungen sagen für sich genommen aber wenig darüber, was einem Menschen fehlt. Für die Arbeit zählt, welche Konflikte oder welche fehlenden Fähigkeiten dahinterstehen. Dazu gehören Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Persönlichkeitsstörungen, psychosomatische Beschwerden und Essstörungen. Auch bei Schwierigkeiten, die keiner einzelnen Diagnose klar zuzuordnen sind, etwa wiederkehrende Beziehungsprobleme, chronische innere Leere oder anhaltende Selbstwertprobleme, kann sie tiefgreifende Veränderung ermöglichen.

Wie unterscheidet sich die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie von anderen Therapien?

Im Vergleich zur Verhaltenstherapie, die stärker am beobachtbaren Verhalten ansetzt, arbeitet die tiefenpsychologisch fundierte Therapie an den unbewussten Ursachen hinter den Symptomen. Im Unterschied zur klassischen Psychoanalyse ist sie zeitlich begrenzter, fokussierter auf aktuelle Konflikte und arbeitet nicht mit freier Assoziation auf der Couch. Neben diesen drei Verfahren ist in Deutschland seit 2020 auch die systemische Therapie als Richtlinienverfahren zugelassen. Welches Verfahren passt, hängt von der Art der Beschwerden, der Persönlichkeit und den persönlichen Vorstellungen davon ab. Viele Therapeuten bieten ein Erstgespräch an, in dem sich das klären lässt.

Eignet sich die Therapie auch für Kinder und Jugendliche?

Ja. Tiefenpsychologisch fundierte Therapien gibt es auch für Jugendliche und für das Kindesalter, angeboten von speziell dafür ausgebildeten Therapeuten. Das Setting wird dabei altersgerecht angepasst: Mit jüngeren Kindern wird häufig spielerisch oder mit kreativen Medien gearbeitet, bei Jugendlichen steht das Gespräch stärker im Vordergrund. Gerade bei Kindern, die unter Ängsten, sozialen Schwierigkeiten oder emotionaler Belastung leiden, kann das Verstehen der inneren Dynamik nachhaltige Veränderung anstoßen.

Wird die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie auch in Kliniken angeboten?

Ja. Das Verfahren wird nicht nur ambulant in psychotherapeutischen Praxen angeboten, sondern auch stationär, in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken sowie in der Tagesklinik. Dort ist es häufig in ein multimodales Behandlungskonzept eingebettet, das zusätzlich Gruppentherapie, Körpertherapie und andere Verfahren umfasst. Die stationäre Aufnahme eignet sich besonders bei schweren Verläufen oder akuten Krisen, die eine engmaschigere Begleitung erfordern.

Hilft tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie auch bei psychosomatischen Beschwerden?

Psychosomatische Beschwerden, körperliche Symptome, die wesentlich durch seelische Belastungen mitbedingt sind, gehören zu den klassischen Anwendungsgebieten der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Ob chronische Schmerzen, Magen-Darm-Beschwerden oder Hautprobleme: Wenn der Körper spricht, was die Seele nicht ausdrücken kann, setzt die Therapie genau dort an. In der psychosomatischen Medizin hat das Verfahren eine besonders lange Tradition. Die körperliche Seite bleibt daneben wichtig. Ein Kölner Sportwissenschaftler beschreibt, warum Dehnen bei chronischen Schmerzen oft nicht weiterhilft.

Wann brauche ich einen Psychiater statt eines Psychotherapeuten?

Ein Psychiater ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er kann Medikamente verschreiben, ein Psychotherapeut in der Regel nicht. Bei bestimmten Erkrankungen, etwa einer schweren Depression mit Suizidgedanken, akuten Psychosen oder bipolaren Störungen, ist eine begleitende psychiatrische Behandlung sinnvoll oder notwendig. In vielen Fällen ergänzen sich Psychotherapie und psychiatrische Behandlung. Ihr Therapeut wird Sie darauf hinweisen, wenn eine psychiatrische Mitbehandlung empfehlenswert ist.

Wie lange dauert eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie?

Eine Kurzzeittherapie umfasst bis zu 24 Sitzungen, eine Langzeittherapie bis zu 100 Sitzungen mit Verlängerungsmöglichkeit. Die Sitzungen finden in der Regel ein- bis zweimal wöchentlich statt. Die Dauer hängt davon ab, wie tief die Problematik reicht und welche Therapieziele gesetzt werden. Patienten mit strukturellen Schwierigkeiten, also fehlenden inneren Fähigkeiten, die erst nachreifen müssen, profitieren häufig von längeren Behandlungen.