Selbsthilfe-Apps können bestimmt für einige Patienten nützlich sein, genau wie ein gutes Buch. Allerdings sitzen sie dann keinem Menschen gegenüber, der Jahrzehnte lang gelernt hat, jemanden bei seinen psychischen Problemen zu unterstützen.
Manche digitalen Programme sind evidenzbasiert und können sinnvoll sein. Digitale Hilfe taugt als Überbrückung, als Ergänzung oder als niedrigschwelliger Einstieg. Wie groß der Nutzen ausfällt, zeigt eine Metaanalyse von 176 randomisierten Studien in World Psychiatry: reale, aber kleine Effekte auf depressive Symptome und auf Angst. Etwa einer von zwölf Nutzern profitiert, der es sonst nicht getan hätte.
Zwei Zahlen rücken den Rest zurecht. Programme mit persönlicher Begleitung schneiden besser ab als Programme ohne, und der Abstand wächst, je stärker jemand zu Beginn belastet ist. Und fast niemand bleibt dabei: über 93 verbreitete Apps hinweg öffneten nach dreißig Tagen im Mittel noch 3,3 Prozent der Nutzer die App.
Ein großes Problem, das ich bei diesen Anwendungen sehe, ist, dass Krankenkassen und Klienten sie nutzen können, um sich aus ihrer Verantwortung zu nehmen. Für die Kassen ist es ein weiteres Argument, um sagen zu können: „Ja, wir bieten unseren Kunden doch etwas an“, anstatt für ein ausreichendes Angebot an Psychotherapeuten mitzuwirken. Für Klienten, die ein Motivationsproblem haben, bieten sie eine Ausrede, um sich einer effektiven Behandlung weiterhin zu verschließen. „Schatz, ich weiß, manchmal gebe ich dir noch einen Klaps, und nachts lege ich mich zu unseren Kindern. Aber ich hab jetzt diese App!“
Ob ChatGPT eine Alternative darstellen würde, oder was der Unterschied zwischen psychologischer Beratung und Psychotherapie ist, können Sie in diesen Artikeln nachlesen.