PSYCHOTHERAPIE VERSTEHEN

Ist eine Online-Psychotherapie sinnvoll?

PSYCHOTHERAPIE VERSTEHEN Von Haegermann 4 Min. Lesezeit März 2026

Inhalt

Kontakt auf Distanz: Was ich als Therapeut mit Patienten online erlebt habe

Als Covid begann und Internet-basierte Behandlung zur einzigen Option wurde, arbeitete ich mit 30 Patienten. 29 von ihnen wollten online weitermachen. Nach etwa einem Jahr wurde Präsenztherapie wieder möglich, und bis auf eine Ausnahme kehrten alle in die Praxis zurück, obwohl manche dafür deutlich längere Anfahrtswege auf sich nahmen. Das hat mich damals überrascht. Die Bequemlichkeit sprach eigentlich für Online-Therapie: keine Anfahrt, keine verlorene Zeit. Trotzdem zogen fast alle den direkten Kontakt vor.

Aber nicht jeder hat diese Wahl. Lange Wartezeiten, ländliche Regionen ohne Therapeuten in Reichweite, Auslandsaufenthalte, eingeschränkte Mobilität, usw. Gleichzeitig zeigt mir meine tägliche Arbeit und meine persönliche Erfahrung dass die Nachfrage nach Online-Therapie da ist.

Was die Forschung zeigt

Die wissenschaftliche Lage ist bei einigen Anwendungsbereichen inzwischen gut, bei anderen deutlich dünner.

Eine systematische Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift JMIR Mental Health fasste zwanzig randomisierte Studien mit zusammen rund 2.800 Patienten zusammen, behandelt wurden Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Angststörungen. Sie fand keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Online- und Präsenzbehandlung, weder in der Wirksamkeit noch in der Patientenzufriedenheit, der therapeutischen Beziehung oder der Abbruchquote.

Für die internetbasierte kognitive Verhaltenstherapie gilt dasselbe. Eine Metaanalyse in World Psychiatry verglich sie über 31 Studien und sechzehn Störungsbilder hinweg direkt mit der klassischen Behandlung im Raum und fand beide Formate gleichwertig. Ein Wort in diesem Satz trägt allerdings die halbe Last: therapeutisch begleitet. Geprüft wurde Internetbehandlung mit einer Behandlerin dahinter, nicht ein Programm, das allein läuft.

Störungsbild für Störungsbild ist der Boden unterschiedlich fest. Für die etablierten Traumatherapien per Video liegen belastbare Belege vor. Wie EMDR online abläuft und wann es sinnvoll ist, beschreibe ich in einem eigenen Artikel. Auch bei chronischen Schmerzen und bei Schlafstörungen wirken internetbasierte Programme, bei Schlafstörungen allerdings schwächer als eine Behandlung im Raum. Und die Effekte halten: eine Auswertung von 154 Studien mit über 45.000 Teilnehmern fand die Online-Therapie wirksam, noch ein Jahr und länger nach Behandlungsende.

Es gibt auch einen Befund, der in die andere Richtung zeigt, und den nenne ich lieber, als ihn wegzulassen. Eine Übersicht über 29 Studien fand Video und Präsenz bei Posttraumatischen Belastungsstörungen gleichwertig, bei Depressionen schnitt die Präsenzbehandlung jedoch etwas besser ab. Ähnliches zeigt sich bei der therapeutischen Beziehung: eine Metaanalyse zur Videobehandlung maß am Bildschirm eine etwas schwächere Arbeitsbeziehung, bei gleicher Symptomverbesserung. Das deckt sich mit dem, was ich in meiner eigenen Arbeit beobachte, besser als eine glatte Gleichwertigkeitsbehauptung. Ob eine Psychotherapie sinnvoll ist, entscheidet sich für mich ohnehin selten am Format.

Meine Empfehlung

Seit Anfang 2024 arbeite ich ausschließlich online. Seitdem habe ich mehrfach gerade von weniger stabilen Klienten den Wunsch nach Präsenzbehandlung gehört. Wenn es Ihnen gerade sehr schlecht geht, würde ich mich an Ihrer Stelle auf jeden Fall um eine Präsenzbehandlung bemühen. Bevor Sie aber längerfristig niemanden haben, oder sich erstmal beraten lassen oder orientieren wollen, werden Sie online wahrscheinlich früher fündig.

Ich habe beide Formate als Klient und als Behandler kennengelernt. Ich lasse mich auch derzeit von einer Psychotherapeutin aus Deutschland online begleiten, die ich vorher in ihrer Praxis besucht habe. Dem Gefühl nach würde ich Präsenzbehandlung immer vorziehen. Allerdings kommt mir die Online-Psychotherapie nicht wie eine zweitbeste Lösung vor.

Auch eine Psychotherapie per Telefon kann in bestimmten Situationen Vorteile bieten. Manche Menschen fühlen sich am Telefon weniger beobachtet und können sich besser entspannen. Da das Visuelle fehlt, rücken andere Aspekte wie Tonalität und Inhalt stärker in den Vordergrund. Circa ein Drittel meiner Patienten bevorzugen es, und ich sehe keine Unterschiede in der Qualität. Die Forschung deutet in dieselbe Richtung, mit einer Einschränkung, die dazugehört: In einer randomisierten Studie im Fachjournal JAMA brachen Patienten eine Behandlung am Telefon deutlich seltener ab als in der Praxis, 20,9 gegenüber 32,7 Prozent, und standen am Ende der Behandlung ebenso gut da. Ein halbes Jahr später ging es der Präsenzgruppe allerdings besser. Psychotherapeutische Behandlungen wirken am Telefon nach meiner Erfahrung so gut wie im Raum.

Online-Therapie ist aus meiner Sicht nicht in jeder Situation gleichwertig zur Präsenztherapie, aber auch kein Notbehelf, der zwangsläufig schlechtere Ergebnisse bringt.

Digitale Angebote und Selbsthilfe-Apps: Wo die Grenzen liegen

Selbsthilfe-Apps können bestimmt für einige Patienten nützlich sein, genau wie ein gutes Buch. Allerdings sitzen sie dann keinem Menschen gegenüber, der Jahrzehnte lang gelernt hat, jemanden bei seinen psychischen Problemen zu unterstützen.

Manche digitalen Programme sind evidenzbasiert und können sinnvoll sein. Digitale Hilfe taugt als Überbrückung, als Ergänzung oder als niedrigschwelliger Einstieg. Wie groß der Nutzen ausfällt, zeigt eine Metaanalyse von 176 randomisierten Studien in World Psychiatry: reale, aber kleine Effekte auf depressive Symptome und auf Angst. Etwa einer von zwölf Nutzern profitiert, der es sonst nicht getan hätte.

Zwei Zahlen rücken den Rest zurecht. Programme mit persönlicher Begleitung schneiden besser ab als Programme ohne, und der Abstand wächst, je stärker jemand zu Beginn belastet ist. Und fast niemand bleibt dabei: über 93 verbreitete Apps hinweg öffneten nach dreißig Tagen im Mittel noch 3,3 Prozent der Nutzer die App.

Ein großes Problem, das ich bei diesen Anwendungen sehe, ist, dass Krankenkassen und Klienten sie nutzen können, um sich aus ihrer Verantwortung zu nehmen. Für die Kassen ist es ein weiteres Argument, um sagen zu können: „Ja, wir bieten unseren Kunden doch etwas an“, anstatt für ein ausreichendes Angebot an Psychotherapeuten mitzuwirken. Für Klienten, die ein Motivationsproblem haben, bieten sie eine Ausrede, um sich einer effektiven Behandlung weiterhin zu verschließen. „Schatz, ich weiß, manchmal gebe ich dir noch einen Klaps, und nachts lege ich mich zu unseren Kindern. Aber ich hab jetzt diese App!“

Ob ChatGPT eine Alternative darstellen würde, oder was der Unterschied zwischen psychologischer Beratung und Psychotherapie ist, können Sie in diesen Artikeln nachlesen.

Praktische Vorteile für Menschen im Alltag

Der größte Vorteil von Online-Apps und Online-Behandlung liegt in der Überwindung von Zugangsbarrieren. In ländlichen Regionen fehlen oft Fachleute vor Ort. Betroffene mit Mobilitätseinschränkungen finden kaum barrierefreie Praxen. Und wer beruflich stark eingebunden ist oder kleine Kinder betreut, kann oft keine Termine während üblicher Praxiszeiten wahrnehmen.

Zahlt die Krankenkasse eine Online-Therapie?

Ja. Eine Psychotherapie online ist in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) regulär abrechenbar und keine Notlösung aus der Pandemie mehr. Seit dem 1. April 2025 dürfen Ärzte und Psychotherapeuten nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bis zu 50 Prozent ihrer Behandlungsfälle im Quartal ausschließlich per Video versorgen. Bislang lag die Obergrenze bei 30 Prozent.

Entscheidend ist das Wort ausschließlich. Die Obergrenze zählt nur Behandlungsfälle, in denen ein Patient das gesamte Quartal über einzig per Video versorgt wird. Wer im selben Zeitraum auch einmal persönlichen Kontakt in der Praxis hatte, fällt aus dieser Zählung heraus. Ein Patient, der im Quartal dreimal per Video und einmal in der Praxis war, zählt zum Beispiel nicht mit.

Für eine Kassenpraxis heißt das: Videosprechstunden sind möglich, aber nicht grenzenlos. Bei mindestens der Hälfte ihrer Behandlungsfälle muss im Quartal wenigstens ein Termin in der Praxis stattfinden. Wer dauerhaft und ausschließlich digitale Angebote und Informationen sucht, stößt bei einer Kassenpraxis also irgendwann an diese Grenze.

Was mit Ihren Daten passiert

Wer im Internet nach Hilfe sucht, findet Angebote sehr unterschiedlicher Qualität. Im Kassensystem ist immerhin geregelt, nicht nur wer eine Videosprechstunde abrechnen darf, sondern auch, über welche Technik sie laufen muss. Der Videodienstanbieter muss zertifiziert sein und dafür eine Selbstauskunft bei der KBV und beim GKV-Spitzenverband eingereicht haben. Die Praxis erhält im Gegenzug eine Bescheinigung über die Zertifizierung nach Anlage 31b. Die Anforderungen dahinter stehen in einer Vereinbarung nach Paragraf 365 Absatz 1 SGB V.

Das ist ein eigenes, formales Verfahren mit eigener Prüfung. Ein Videodienst, den viele kennen und im Beruf ohnehin benutzen, hat diese Prüfung deshalb nicht automatisch durchlaufen. Bekanntheit und Zertifizierung sind zwei verschiedene Dinge.

Für Sie heißt das vor allem: Sie dürfen fragen. Zum Beispiel, welchen Videodienst eine Praxis einsetzt und ob er zertifiziert ist. Wer digitale Angebote macht, sollte diese Informationen ohne Ausweichen herausgeben. Auch das gehört zu einer guten Behandlung von Patienten. Das gilt für die psychotherapeutische Versorgung genauso wie für jede andere Behandlung, bei der es um psychische Störungen und um Ihre Gesundheit geht.

Häufig gestellte Fragen

Für wen ist Online-Psychotherapie sinnvoll?

Online-Psychotherapie ist sinnvoll für alle, die keinen zeitnahen Präsenztermin finden, in ländlichen Regionen leben oder aus anderen Gründen keine Praxis aufsuchen können, beispielsweise bei eingeschränkter Mobilität, Kinderbetreuung oder Auslandsaufenthalten. Auch wer sich erstmal orientieren oder beraten lassen möchte, findet online oft schneller Unterstützung. Eine Online-Therapie ist zum Beispiel dann sinnvoll, wenn der Weg in die Praxis regelmäßig am Alltag scheitert. Wann eine Online-Therapie sinnvoll ist, hängt also weniger an der Diagnose als an Ihrer Lage. Bei akuten psychiatrischen Krisen bleibt Präsenzbehandlung der bessere Weg.

Bei welchen psychischen Störungen hilft Online-Therapie?

Die Wirksamkeit von Online-Therapieangeboten ist nachgewiesen, allerdings nicht für jedes Krankheitsbild gleich gut. Am besten belegt ist sie bei leichten bis mittelschweren Depressionen, Angststörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen, Schlafstörungen und chronischen Schmerzen. Für andere Therapien ist die Studienlage dünner, und für Schizophrenie oder bipolare Erkrankungen fehlt sie weitgehend. Das gehört dazugesagt, statt so zu tun, als sei jedes Störungsbild gleich gut untersucht. Entscheidend ist über die Studien hinweg weniger das Format als die Frage, ob jemand stabil genug für eine ambulante Behandlung ist.

Wie läuft eine Online-Sitzung ab?

Der Ablauf unterscheidet sich kaum von einer Präsenzsitzung. Sie loggen sich per Video ein, wir sprechen 50 Minuten, und zwischen den Sitzungen gibt es bei Bedarf kurzen Kontakt per Nachricht. Psychotherapie per Telefon ist ebenfalls möglich. Circa ein Drittel meiner Klienten bevorzugt Therapie per Telefon, weil sie sich ohne Kamera freier fühlen. In beiden Fällen arbeite ich mit denselben Methoden wie in einer Praxis vor Ort. Für die therapeutische Beziehung macht das nach meiner Erfahrung weniger aus, als die meisten erwarten.