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Gestalttherapie einfach erklärt: Therapie im Hier und Jetzt

VERFAHREN Von Haegermann März 2026

Inhalt

Gestalt und das Hier und Jetzt

Eine Gestalt ist eine Sinnganzheit, das heißt das, was im Erleben gerade Figur wird, vor dem Hintergrund von allem, was wir wahrnehmen, fühlen und körperlich spüren. Solche Gestalten bilden sich fortlaufend: Ein Bedürfnis taucht auf, sucht Kontakt, klärt sich und schließt sich. Oder es bleibt offen und arbeitet weiter. Vielleicht sind wir hungrig, sexuell erregt, traurig oder wütend. Wenn wir nicht essen oder trauern können, kann die Figur nicht in den Hintergrund treten und die Gestalt nicht geschlossen werden. Dann haben wir ein Problem.

Figur
Was jetzt Aufmerksamkeit braucht
Wenn die Figur „geschlossen“ ist, beispielsweise wenn das Gefühl ausgedrückt oder das Bedürfnis befriedigt wurde, tritt es wieder in den Hintergrund.
tritt ins Bewusstsein
bleibt im Hintergrund
Hintergrund
Gedanken Gefühle Körperempfindungen Erinnerungen Bedürfnisse Beziehung Umgebung Impulse

In der Gestalttherapie arbeiten wir mit dem, was Sie in diesem Prozess gerade wahrnehmen: Was regt sich? Wo entsteht Kontakt zur Umwelt? Wo stockt er? Das Hier und Jetzt ist dabei kein Prinzip unter vielen. Es ist der einzige Ort, an dem sich Erleben zeigen und verändern lässt. Auch alte, unerledigte Erfahrungen wirken nur dort weiter, wo sie in der Gegenwart Gestalt annehmen.

Hintergrund
das, was weniger beachtet wird
Figur
das, worauf die
Aufmerksamkeit gerichtet ist

Gestalttherapie einfach erklärt

Viele Menschen fragen sich vor einem Therapietermin, was sie erzählen sollen oder ob sie sich vorbereiten müssen. Was mir an der gestalttherapeutischen Herangehensweise gefällt: Wichtige Themen zeigen sich in diesem Augenblick und müssen nur aufgegriffen werden. Oft ist es eine kleine auffällige Geste, ein Gesichtsausdruck oder eine Körperempfindung, die zu bedeutsamen Erkenntnissen führt. Zum Beispiel erzählt jemand von einer schlimmen Erfahrung und lächelt dabei. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf diesen Widerspruch richten, kann er mit all seinen inneren Zusammenhängen verständlich werden. Vielleicht konnte die Mutter dieser Person nicht mit negativen Gefühlen umgehen und sie hat gelernt, (zunächst für die Mutter) tapfer zu sein.

Statt nur zu fragen, was in der Vergangenheit geschah, richtet die Gestalttherapie den Blick auf das, was jetzt geschieht: Was erleben Sie gerade? Wie zeigt sich das in Ihrem Körper? Welche Gedanken, Gefühle oder Impulse tauchen in diesem Moment auf? Was spüren Sie, wenn Sie von diesen Ereignissen erzählen?

Häufig erzählen Gefühle, Empfindungen oder Mimiken eine wesentlich tiefere Geschichte als das, was vordergründig Probleme bereitet. Alte Erlebnisse und Verletzungen tauchen wieder auf und können einerseits verarbeitet und andererseits für ein besseres Verständnis des aktuellen Erlebens genutzt werden.

Es braucht keine keine Planung Ihrerseits und auch keine Schablone, kein Behandlungsmanual. Alle Informationen sind jetzt und hier verfügbar. Es reicht Ihre Bereitschaft, sich auf das einzulassen, was sich zeigt.

Methoden der Gestalttherapie

Die bekannteste ist der leere Stuhl: Dort sitzt, wen oder was Sie gerade beschäftigt, die eigene Mutter etwa oder der innere Kritiker, und Sie sprechen direkt damit. Dazu kommen Experimente, die aus dem Moment entstehen, die Arbeit mit Träumen und mit dem Körper. Konkrete Beispiele habe ich unter Gestalttherapie Methoden zusammengestellt. In den Experimenten wird greifbar, wie die Gestalttherapie Methode und Haltung verbindet: Eine Übung wirkt erst durch den Kontakt, in dem sie stattfindet.

Die Gestalttherapie wurde in den 1940er Jahren von Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman begründet. Gestalttherapie ist ein erlebnisorientierter Ansatz, der den ganzen Menschen in den Blick nimmt. Als Methode verbindet die Gestalttherapie Elemente aus der Tiefenpsychologie, der Phänomenologie und der Körperarbeit.

Wie wir zu dem werden, was wir sind

Die guten und schwierigen Erfahrungen unserer Kindheit prägen, wie wir heute fühlen, denken und mit anderen umgehen. Als Kinder passen wir uns an unsere Umwelt an und lernen, welche Gefühle akzeptiert werden und welche Bedürfnisse Platz haben.

Aus solchen Erfahrungen entwickeln sich Kontaktmuster: gewohnte Arten, mit uns selbst, anderen und der Welt in Kontakt zu treten. Beispiele sind: Ärger unterdrücken, um Nähe zu bewahren; übermäßig angepasst sein, um Ablehnung zu vermeiden; sich emotional zurückziehen, wenn Nähe sich unsicher anfühlt; übertriebene Verantwortung für andere übernehmen.

Diese Muster hatten oft eine adaptive Funktion und waren in der Kindheit hilfreich. Die Gestalttherapie betrachtet sie als kreative Anpassungsleistungen. Jeder Mensch entwickelt dabei ein ganz eigenes inneres System, das sein Fühlen und Handeln organisiert. Schwierig wird es dort, wo alte Muster nicht mehr zu neuen Lebenssituationen passen und die emotionale Lebendigkeit einschränken.

Was sichtbar ist
Angst
Rückzug
Anspannung
Beziehungsschwierigkeiten
Was den Kontakt unterbricht
vermeiden
kontrollieren
nicht ausdrücken
nicht spüren
Was vielleicht Ausdruck sucht
Trauer
Ärger
Schutz
Nähe
Grenze
Therapie: Bewusstheit, Kontakt, Ausdruck, Integration

Kontaktunterbrechungen und unerledigte Situationen

In der Gestalttherapie wird Leiden häufig als Störung im Kontakt mit sich selbst oder der Umwelt verstanden. Typische Kontaktunterbrechungen sind beispielsweise: Vermeidung bestimmter Gefühle oder Empfindungen, übermäßiges Grübeln und Intellektualisieren, emotionaler Rückzug oder übertriebene Kontrolle.

Erfahrungen, die nicht vollständig ausgedrückt und verarbeitet werden konnten, bleiben als unerledigte Situationen bestehen. Dazu gehören nicht ausgedrückte Trauer nach einem Verlust, unterdrückter Ärger, unausgesprochene Bedürfnisse in Beziehungen oder anhaltende Scham aus demütigenden Erfahrungen. Diese unabgeschlossenen emotionalen Prozesse können das Leben erheblich belasten als Angst, Depression, psychosomatische Symptome oder Beziehungsschwierigkeiten.

Wie tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie solche Muster versteht und bearbeitet, beschreibe ich in einem eigenen Artikel.

Blau-gelber Papagei vor grünen Blättern als Symbol für Wahrnehmung, Kontakt und Lebendigkeit

Körperorientierte Gestalttherapie: Die Rolle von Körper und Gefühlen

Die körperorientierte Gestalttherapie gibt dem Körper denselben Rang wie Gedanken und Gefühlen. Auch misst die Gestalttherapie Emotionen, Körperempfindungen, Gedanken und Verhalten gleiche Bedeutung bei. Der Körper wird als ein wesentlicher Teil psychischer Prozesse verstanden. Kein Mensch erlebt Gefühle losgelöst von seinem Körper. Sie werden eingeladen, im Sinne einer bewussten Körperwahrnehmung Ihre Aufmerksamkeit auf Atmung, Haltung und Muskelspannung zu richten und körperliche Reaktionen auf Gefühle oder Gedanken zu beobachten. Dabei kommen keine festen Gestalttherapie Übungen zum Einsatz, sondern Experimente, die sich aus dem Moment entwickeln.

Die therapeutische Beziehung

Die Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn ist ein Kernelement der Gestalttherapie. Therapie wird als Begegnung auf Augenhöhe verstanden, nicht als einseitige Expertenintervention. Die therapeutische Beziehung bietet einen sicheren Raum, in dem neue Erfahrungen möglich werden. Durch diesen authentischen Kontakt werden Beziehungsmuster sichtbar und es entsteht die Möglichkeit, sie zu verändern.

Die drei Grundhaltungen

Drei Haltungen prägen die Arbeit in der Gestalttherapie besonders: die dialogische, die phänomenologische und die existenzielle. Sie bestimmen, wie ich Ihnen begegne, lange bevor eine Technik ins Spiel kommt.

Die dialogische Grundhaltung

Therapie ist hier ein echtes Gespräch. Der Philosoph Martin Buber nannte diese Form der Begegnung „Ich und Du“: Zwei nehmen einander wahr, beide mit allem, was sie mitbringen. Der Therapeut bleibt darin sichtbar: Er reagiert, zeigt sich und lässt sich berühren, und genau diese Beteiligung unterscheidet das Gespräch von einer Behandlung, die auf Distanz bleibt. Verändernd ist die Begegnung selbst.

Die phänomenologische Grundhaltung

Der Blick bleibt bei dem, was sich beobachten lässt. Ein Lächeln an einer unpassenden Stelle, eine flache Atmung: Solche Eindrücke gelten zunächst genau so, wie sie auftauchen, und jede Deutung prüfen wir gemeinsam. Nach meiner Erfahrung liegt die Lösung häufig im Problem selbst: Womit Sie gerade im Konflikt stehen, will wahrgenommen und integriert werden.

Die existenzielle Grundhaltung

Gestalttherapie nimmt ernst, dass Sie wählen können. Es geht um Verantwortung und um das Ausloten der eigenen Entscheidungsfähigkeit, auch dort, wo eine Entscheidung Angst macht. Fritz Perls wollte sich von Sartres Existenzialismus abgrenzen. Sonst hieße das Verfahren heute sehr wahrscheinlich Existenztherapie.

Verantwortung und Autonomie

Ein zentrales Thema der Gestalttherapie ist die eigene Verantwortung. Nicht im Sinne von Schuld, sondern als Fähigkeit der Person, eigene Bedürfnisse, Gefühle und Wahlmöglichkeiten zu erkennen und ihnen Ausdruck zu verschaffen. Mit der Zeit lernen Sie, Verantwortung für Ihre Emotionen und Reaktionen zu übernehmen, zwischen vergangenen Erfahrungen und dem gegenwärtigen Leben zu unterscheiden. Daraus kann größere Autonomie entstehen.

Ein gestalttherapeutischer Blick auf Autonomie
Schuld
Wer ist schuld
Was ist falsch mit mir
Selbstanklage
Mehr
Bewusstheit
mehr
Spielraum
Verantwortung
Was spüre ich
Was brauche ich
Was kann ich wählen
Was gehört zu mir, was nicht
Verantwortung meint Wahlmöglichkeiten und Kontakt
mit dem eigenen Erleben, nicht Schuldzuweisung.

Wobei diese Therapie helfen kann

Die Gestalttherapie zielt nicht darauf ab, Symptome direkt zu beseitigen oder Persönlichkeitsmerkmale gewaltsam zu verändern. Stattdessen geht es darum, Bewusstheit, Flexibilität und emotionale Lebendigkeit wiederherzustellen. Wenn Sie wieder wahrnehmen und dann ausdrücken, was Sie fühlen und wollen, verlieren viele Symptome ihre Funktion und verringern sich auf natürliche Weise. Gestalttherapie fördert die Fähigkeit, sich selbst und andere klarer wahrzunehmen.

Energie, die zuvor in Vermeidung oder Anspannung gebunden war, wird frei für Kreativität, Verbindung und einen lebendigeren Kontakt mit sich und der Umwelt. Die Gestalttherapie unterstützt Menschen dabei, lebendiger und fähiger zu werden, sich dem Leben so zu stellen, wie es sich entfaltet. Der Mensch wird nicht repariert, sondern darin unterstützt, sich selbst besser zu verstehen. Gestalttherapie einfach erklärt bedeutet, sich selbst und die eigene Umwelt klarer wahrzunehmen und Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen.

Sollten Sie sich diese Art Unterstützung wünschen, wenden Sie sich gerne an mich. Was ich als Online Psychologe weltweit anbiete, können Sie auf meiner Startseite nachlesen.

Für wen ist sie geeignet?

Gestalttherapie eignet sich für Menschen, die ihr Erleben in der Gegenwart genauer verstehen und aktiv an sich arbeiten möchten. Hilfreich ist sie bei Lebenskrisen, Beziehungskonflikten, Stress und Burnout, depressiven Verstimmungen und Ängsten, ebenso beim Wunsch nach persönlicher Entwicklung, auch ohne klare Diagnose. So lässt sich Gestalttherapie einfach erklärt als Einladung verstehen, das eigene Erleben in der Gegenwart wieder genauer wahrzunehmen.

Sie lebt von aktiver Mitarbeit: Vieles entsteht aus der eigenen Wahrnehmung, nicht aus Ratschlägen. Wie viel jemand dabei einbringt, richtet sich nach der aktuellen Belastbarkeit. Stabilität wächst im Verlauf.

Gestalt-Gruppentherapie habe ich selbst als Klient erlebt: Sie hat mir mehr gebracht als Jahre der Meditation. Wer ohne akuten Anlass kommt, findet in der Gestalttherapie Selbsterfahrung: genauer wahrnehmen, eigene Muster im Kontakt erkennen.

Bei akuten Krisen oder schweren Erkrankungen kann eine stärker stützende oder stationäre Form sinnvoll sein, manchmal ergänzt durch weitere Behandlungen. Gestalttherapie ist dann nicht ausgeschlossen, aber sie braucht einen stabilen Boden.

Nach schweren Verletzungen kann Gestalttherapie Traumatherapie ergänzen: Bewusstheit und Kontakt tragen die Verarbeitung. Wie eine Traumabehandlung mit EMDR abläuft, steht in einem eigenen Artikel.

Meine Ausbildung in Gestalttherapie absolvierte ich von 2000 bis 2004. Sie hat meine therapeutische Haltung und Herangehensweise stark beeinflusst und gefestigt. Tiefenpsychologisches Verständnis und Traumatherapie sind sinnvolle Ergänzungen. Meine Grundhaltung ist jedoch gestalttherapeutisch.

Häufige Fragen

Braucht Gestalttherapie bestimmte Voraussetzungen?

Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich auf das eigene Erleben einzulassen. Sie müssen kein Vorwissen mitbringen und sich nicht vorbereiten. Die Gestalttherapie geht davon aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit zur Selbstregulation in sich trägt. Es braucht keinen bestimmten Leidensdruck und keine Diagnose. Menschen kommen zur Gestalttherapie, weil sie spüren, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmig ist und weil sie bereit sind, genauer hinzuschauen.

Ist Gestalttherapie wissenschaftlich anerkannt?

Ja. In Österreich und der Schweiz ist sie ein anerkanntes Therapieverfahren. In Deutschland gehört sie zu den humanistischen Verfahren und ist nicht kassenrechtlich zugelassen, wird aber von vielen Therapeuten in die tiefenpsychologisch fundierte Therapie integriert. Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman legten mit ihren Arbeiten ein theoretisches Fundament, das bis heute weiterentwickelt wird.

Was ist der Unterschied zwischen Gestalttherapie und Verhaltenstherapie?

Die Verhaltenstherapie arbeitet überwiegend mit konkreten Techniken und Übungsprogrammen, die auf die Veränderung bestimmter Denk- und Verhaltensmuster abzielen. Die Gestalttherapie richtet den Blick stärker auf das unmittelbare Erleben im Hier und Jetzt. Statt ein Problem von außen zu korrigieren, fördert die Gestalttherapie die Bewusstheit des Menschen für seine eigenen Empfindungen, Bedürfnisse und Kontaktmuster. Veränderung entsteht hier nicht durch ein Programm, sondern dadurch, dass eine Person wahrnimmt, was sie wirklich fühlt und braucht.

Wie läuft eine Sitzung in der Gestalttherapie ab?

Es gibt keinen festen Ablauf. Jede Sitzung orientiert sich an dem, was der Mensch in diesem Moment mitbringt. Das kann ein Thema sein, eine Körperempfindung, ein Traum oder etwas, das sich zwischen Therapeut und Klient im Raum zeigt. Die therapeutische Beziehung bietet einen sicheren Rahmen, in dem Sie sich so zeigen können, wie Sie sind. Typischerweise dauert eine Sitzung 50 Minuten. Manche Menschen kommen wöchentlich, andere in größeren Abständen: Das hängt von Ihrer Lebenssituation und Ihren Bedürfnissen ab.

Funktioniert Gestalttherapie auch online?

Ja. Die Gestalttherapie lässt sich sehr gut im Sinne einer Onlinetherapie durchführen. Entscheidend ist die Qualität des Kontakts zwischen Therapeut und Klient, nicht der physische Raum. Mimik, Stimme, Haltung und emotionale Resonanz sind auch per Videositzung wahrnehmbar. Menschen, die im Ausland leben oder keinen passenden Therapeuten in ihrer Umwelt finden, profitieren besonders davon. In meiner Praxis arbeite ich ausschließlich online mit deutschsprachigen Klienten weltweit.