TP THEMEN

Übertragung und Gegenübertragung einfach erklärt

TP THEMEN Von Haegermann 8 Min. Lesezeit Juli 2026

Inhalt

Übertragung, und warum sie überall passiert

Übertragung und Gegenübertragung sind kein Sonderfall des Sprechzimmers. Sie geschehen in allen Beziehungen: Ein Vorgesetzter kann Züge des Vaters annehmen, die Partnerin wird zur Mutter. Umgekehrt ist nicht jede heftige Reaktion eine solche Färbung. Der Psychoanalytiker Michael Ermann nennt den Alltagsfall eine Außenübertragung, etwa in der Beziehung zum Partner oder zu Kolleginnen. Richtet sich dieselbe Färbung auf mich als Behandler, heißt sie bei ihm Binnenübertragung. Im englischen Schrifttum finden Sie beides unter transference und countertransference.

In der Therapie wird das nutzbar. Der Patient erlebt die Therapeutin unbewusst in vertrauten Rollen: Alte Muster aktualisieren sich in der gegenwärtigen therapeutischen Beziehung. Die Therapeutin spielt diese Rollen nicht mit. Dass sie diese Rollen für Momente in sich spürt, ist etwas anderes. Sichtbar werden dabei Spuren subjektiver Erfahrung, keine getreuen Abbilder der Biografie.

Ein Muster wiederholt sich bei mir über viele Behandlungen hinweg, und es ist eine Binnenübertragung in Reinform: Für manche Patientinnen und Patienten werde ich zum bösen Vater. Dann werden mir eine Haltung und Attribute zugeschrieben, die nicht zu mir gehören. Mache ich eine freundlich ausgedrückte, vorsichtige Deutung, kommt es bei ihnen als vernichtende Kritik an.

Gegenübertragung, was im Therapeuten passiert

Gegenübertragung ist meine Reaktion auf die Übertragung des Patienten. Der Begriff wird uneinheitlich verwendet: weit gefasst alles, was ein Therapeut in der Begegnung empfindet, in der verbreitetsten Fassung nur der unbewusste Anteil daran. Der bleibt unbewusst. Ich erlebe ihn nicht direkt, ich erschließe ihn. Werde ich ungeduldig, ratlos oder auffällig fürsorglich, ist das nicht das Phänomen selbst, sondern seine bewusste Seite, und die ist Information: Sie sagt etwas darüber, was gerade wirkt. Ablesen lässt sich das nicht ungeprüft. Mitgeformt wird meine Reaktion immer aus eigenem Material, aus meiner Geschichte und meinen Voreinstellungen. Für diesen eigenen Anteil gibt es einen eigenen Begriff, die Eigenübertragung, und sauber trennen lässt er sich meistens nicht. Die Dynamik läuft in beide Richtungen: Der Patient reagiert auf mich, während ich auf ihn reagiere.

So gedacht wurde das Gefühl nicht immer. Um 1910 galt es bei Sigmund Freud noch als Hindernis, das überwunden werden musste, um die Behandlung nicht zu stören. Erst mit Paula Heimann wurde es 1950 zum diagnostischen Instrument.

Konkordant und komplementär

Innerhalb dieser Reaktionen unterscheidet die Fachliteratur zwei Richtungen, zurückgehend auf den Psychoanalytiker Heinrich Racker. Konkordant heißt: Ich fühle, was im Patienten vorgeht. Komplementär heißt: Ich fühle, was er unbewusst jemandem aus seiner Geschichte zuschreibt.

Konkordant ist bei mir ganz oft der Fall, gerade wenn jemand bestimmte Gefühle unterdrückt: Dann spüre ich sie, oder er löst sie in mir aus. Komplementär ist der böse Vater aus dem vorigen Abschnitt, von meiner Seite aus gesehen: Ich gerate in die Rolle, in der er früher jemand anderen erlebt hat, und habe zum Beispiel den Impuls, übermächtig und streng zu reagieren.

Wehren kann ich mich auch. Nicht gegen ein eigenes Gefühl, sondern dagegen, dass das Erleben des Patienten in mir Raum greift. Konkordant heißt es, wenn das, was in mir entsteht, sein eigenes Erleben abbildet: Er ist verzweifelt, und die Verzweiflung taucht in mir auf. Genau das lässt sich abwehren, und zwar mit einem anderen Gefühl. Werde ich wütend, kann die Wut der Schutz davor sein, seine Depression in mir zuzulassen. Das kostet mich den Zugang zu ihm, denn dieses Mitschwingen wäre der Weg gewesen, ihn zu verstehen.

Was die Tiefenpsychologie anders macht

Ein einziges Wort. Zwischen der TP und der analytischen Psychotherapie liegt in dieser Frage nur dieser eine Unterschied, und er steht wörtlich in der Psychotherapie-Richtlinie, die in Deutschland festlegt, wie beide Richtlinienverfahren definiert sind. Die TP behandelt die unbewusste Psychodynamik „unter Beachtung von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand“. Die analytische Psychotherapie setzt das therapeutische Geschehen „mit Hilfe der Übertragungs-, Gegenübertragungs- und Widerstandsanalyse unter Nutzung regressiver Prozesse“ in Gang. Beachten gegen analysieren: Das ist der Unterschied, wörtlich aus der Richtlinie.

Praktisch heißt das: Ich begrenze die Binnenübertragung bewusst, also das, was sich auf mich als Behandler richtet. Positive Binnenübertragung bleibt meist unangesprochen, sie trägt die Arbeit. Erst wenn sie zum Rückzug aus dem Alltag wird, kommt sie zur Sprache. Negative bearbeite ich, weil daraus sonst leicht Widerstände entstehen. Ausgelöst wird sie häufig durch Kränkung, durch Scham oder durch das Gefühl, nicht verstanden zu werden.

Das zeigt sich sehr konkret darin, wie ich Übertragung anspreche, wenn sie ins Zimmer kommt. Mein Job ist es, sie in den Kontakt zu bringen, aber entgiftet: nicht dem Patienten übergestülpt oder über den Schädel geschlagen. Das klingt dann so: „Ich merke, ich fühle mich ungehalten. Können Sie das nachvollziehen? Haben Sie ähnliche Gefühle? Womit könnte das zusammenhängen?“ Oder so: „Ich merke, bei dem, was Sie erzählen, werde ich traurig. Können Sie damit etwas anfangen?“ Beides sind Fragen, keine Deutungen.

Vorausgesetzt ist dafür hohe Selbstreflexion. Deshalb ist sie im heutigen Psychotherapiestudium ein eigener Pflichtbestandteil, und in der anschließenden Weiterbildung kommt die Selbsterfahrung im gewählten Verfahren dazu.

Was die Forschung dazu sagt

Vier Arbeiten geben darauf eine Antwort, und sie fällt nicht eindeutig aus.

Eine Metaanalyse von Hayes und Kollegen aus dem Jahr 2018 hat mehrere Studien zum Zusammenhang zwischen Gegenübertragung und Therapieerfolg ausgewertet. Sie fasst den Begriff dabei enger als ich weiter oben: gemeint sind Reaktionen, in die ungelöste Konflikte des Behandlers hineinspielen. Gegenübertragungsreaktionen hängen über die Studien hinweg mit etwas schlechteren Behandlungsergebnissen zusammen (r = -0,16). Wo der Umgang damit gelingt, dreht sich das Bild: Dort steht ein deutlich besserer Zusammenhang (r = 0,39). Die Einschränkung gehört dazu: Für diesen zweiten Befund liegen nur neun Studien mit zusammen 392 Personen vor, und die Ergebnisse streuen zwischen den Studien stark.

Für die andere Frage, ob ausdrückliche Übertragungsdeutungen das Ergebnis verbessern, hat ein systematischer Überblick von 2024 den Stand zusammengetragen: 21 Studien, in 13 davon ein Vorteil bei mindestens einem Messwert. Die Arbeiten unterscheiden sich in Verfahren, Patientengruppen und Messinstrumenten aber so stark, dass die Autoren daraus ausdrücklich keinen allgemeinen Schluss ziehen.

Deutlicher zeigt das eine randomisierte Studie von Høglend aus dem Jahr 2011 mit hundert erwachsenen Patientinnen und Patienten. Bei denen mit reifen Beziehungserfahrungen und einer bereits guten Arbeitsbeziehung schnitt gezielte Übertragungsarbeit schlechter ab als der Verzicht darauf. Bei wenig reifen Beziehungserfahrungen und schwacher Arbeitsbeziehung half sie dagegen.

Bei Jugendlichen fiel eine neuere Studie von Ulberg aus dem Jahr 2021 gemischt aus. Der Haupttest zur psychodynamischen Funktion erreichte keine Signifikanz. Die Depressionswerte dagegen fielen mit Übertragungsarbeit signifikant besser aus.

Meine eigene Position dazu ist eine andere: Je mehr Vertrauen in der Beziehung entsteht, desto mehr lassen sich gerade die schwierigen Übertragungsgefühle überhaupt ansprechen. Das kommt dann immer auf das Wie an. Høglends Studie misst, ob gedeutet wurde. Mich interessiert, wie.

Häufige Fragen

Kann ein Therapeut in der Gegenübertragung eigene ungelöste Konflikte beim Patienten auslösen?

Ja, das kann passieren. Ermann nennt das Eigenübertragung: Auch ich als Behandler unterliege im Behandlungsprozess einer gewissen Regression, und unbewusste Voreinstellungen wirken mit, ob ich das will oder nicht. Er beschreibt die therapeutische Beziehung deshalb als eine Matrix aus vier Größen, und die vierte ist genau diese Frage: die Gegenübertragung des Patienten auf die Eigenübertragung des Behandlers. Kommen sie mit den Widerständen auf beiden Seiten zusammen, kann ein maligner Interaktionszirkel entstehen, in dem Patient und Behandler sich gegenseitig in eine schwierige Richtung verstärken. Ermann hält selbst fest, dass dieses Thema ungern öffentlich erörtert wird. Dagegen stehen Selbsterfahrung, Supervision und die Erwartung, dass ich meinen eigenen Anteil an der Beziehungsgestaltung reflektiere, statt die Übertragung des Patienten zu manipulieren.

Was ist der Unterschied zwischen Übertragung und Gegenübertragung?

Übertragung und Gegenübertragung sind zwei Seiten derselben Beziehung. Die eine kommt vom Patienten: Er erlebt mich unbewusst in einer vertrauten Rolle aus seiner Geschichte. Die andere kommt von mir: Es ist, was ich als Behandler in der Begegnung mit ihm empfinde, und ich kann es nutzen, um zu verstehen, was in ihm vorgeht.

Wie merke ich, dass mein Therapeut mich mag?

Die meisten Therapeuten sind von Haus aus Philanthropen und mögen die meisten Menschen, die ihnen begegnen. Sie wissen auch, dass selbst schwierige Verhaltens- und Beziehungsmuster einen verstehbaren Hintergrund haben. Fragt mich jemand trotzdem danach, ist mein erster Zug eine Gegenfrage: Warum ist Ihnen das so wichtig? In der Therapie zählt die Weiterentwicklung. Sympathie ist der Weiterentwicklung zuträglich aber zweitrangig.

Wie reagieren Therapeuten auf Weinen?

Wenn jemand im Termin weint, gebe ich zunächst Raum und tröste möglicherweise, bevor ich den Kontext dieser Gefühle erkunde. In dieser Situation unterstütze ich das eher, als es zu bremsen: Weinen in der Stunde ist oft heilsam.

Muss ich es sagen, wenn ich Gefühle für meine Therapeutin entwickle?

Ansprechen, auf jeden Fall: Unausgesprochen kann das der Therapie ganz erheblich im Weg stehen. Zwei Dinge passieren sonst leicht. Patientinnen und Patienten stellen sich möglicherweise in einem positiven Licht dar, um Sympathie oder sogar Liebe erwidert zu bekommen. Und die Verliebtheit selbst kann in der Stunde zu einer Euphorie führen, unter der schwierige Themen liegen bleiben. Die Verantwortung für diese Grenze trägt allein der Behandler, und jeder sexuelle Kontakt zu Patientinnen und Patienten ist berufsrechtlich unzulässig.

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