Dass jemand den Platz wechselt, sagt für sich genommen nichts. Entscheidend ist, ob ein innerer Vorgang in Gang kommt, und der sieht bei beiden Formen unterschiedlich aus.
Beim abwesenden Gegenüber
Das Gespräch mit einer imaginären Person beginnt meist damit, dass ein Gefühl wirklich erreicht wird. Die Klientin spricht nicht mehr über Trauer, Wut oder Enttäuschung, sondern aus ihnen heraus. Daraus wird oft ein Bedürfnis erkennbar, das damals unerfüllt blieb: „Ich hätte gebraucht, dass du mich schützt“.
Der eigentliche Wechsel kommt danach: Sobald diese erste Welle abklingt, bittet die Therapeutin, kurz auf den anderen Platz zu wechseln und für einen Moment das Gegenüber zu werden, mit dessen Haltung, dessen Tonfall. Von dort aus antwortet die Klientin auf das, was sie selbst gerade gesagt hat. Das kann sich mehrfach wiederholen, hin und zurück, bis sich etwas verschiebt. Erst dadurch verändert sich der Blick auf das Gegenüber. Manchmal wird es weniger bedrohlich, manchmal wird deutlicher, dass es verantwortlich war. Am Ende steht eine ruhigere innere Distanz, nicht unbedingt eine Versöhnung.
Eines gehört unbedingt dazu und wird selten gesagt: Was vom anderen Platz aus geantwortet wird, ist die innere Vorstellung der Klientin, nicht ein Wissen darüber, was der andere Mensch tatsächlich denkt, gemeint hat oder sagen würde. Bei Trauer, nach Gewalterfahrungen und in Familienkonflikten entscheidet dieser Unterschied darüber, ob die Arbeit hilft oder schadet. Sie klärt das eigene Erleben. Sie ersetzt kein Gespräch, und sie beweist nichts über jemand anderen.
Beim inneren Konflikt
Hier ringen zwei Anteile im selben Menschen. Der eine kritisiert, fordert, kontrolliert, der andere fühlt sich verletzt, beschämt, überfordert. Fritz Perls beschrieb dieses Paar als Topdog und Underdog. Begonnen wird an dem Pol, der gerade emotional näher liegt, gewechselt wird erst, wenn die erste große Welle heraus ist. Dann aber wirklich: Die Klientin nimmt den anderen Platz ein und spricht von dort mit der eigenen Stimme dieses Anteils. Das Hin und Her kann sich mehrfach wiederholen, manchmal noch mitten im Satz, sobald sich im Tonfall etwas verschiebt.
Der erste Schritt ist nur das Kennenlernen der beiden Pole, und schon beim genauen Hinschauen verändert sich oft einiges. Der zweite ist das kurze innere Nebeneinander beider Sichtweisen. Gelungen ist die Arbeit nicht, wenn eine Seite gewinnt, sondern wenn beide deutlicher werden: Der verletzte Anteil bekommt mehr Stimme, der kritische verliert seine Härte oder zeigt, was er eigentlich schützen wollte.
Stellt sich kein übergeordnetes Sowohl-als-auch ein, ist das kein Scheitern. Dann dürfen beide Seiten nebeneinander stehen bleiben: „Ich liebe das eine an dir und ich hasse das andere, am selben Menschen. Ich halte die Spannung aus.“