Abwehrmechanismen sind kein Defekt. Sie sind eine Leistung der Seele, oft eine kluge, die uns durch eine Zeit getragen hat, in der wir keine andere Wahl hatten.
Abwehr als Filter
Es gibt viele solcher Mechanismen, und sie arbeiten nicht alle gleich. Die einen antworten auf einen Konflikt, also auf einen Wunsch, der mit einem verinnerlichten Verbot zusammenstößt. Sie tun das, indem sie etwas unter die Schwelle des Bewusstseins drücken. Vier Beispiele:
Verdrängung: Ein unerträgliches Gefühl, eine bedrohliche Erinnerung wird so weit weggeschoben, dass wir am Ende nicht einmal mehr wissen, dass es sie gab.
Verschiebung: Der Ärger über den Vorgesetzten trifft am Abend die Familie. Das Gefühl richtet sich gegen ein weniger gefährliches Ersatzobjekt, weil das eigentliche zu riskant wäre.
Reaktionsbildung: Wer Nähe fürchtet, gibt sich betont unabhängig. Wer die eigene Wut nicht zulassen darf, ist auffällig freundlich. Der verbotene Impuls erscheint als sein Gegenteil.
Rationalisierung: Der eigentliche Grund bleibt unbewusst, ein anderer, akzeptablerer tritt an seine Stelle. Jemand bewirbt sich nicht auf die ersehnte Stelle und erklärt sich überzeugend, die Bedingungen wären ohnehin schlecht gewesen.
So verschieden diese vier wirken, sie setzen alle dasselbe voraus: ein einigermaßen festes inneres Bild von uns selbst und von den Menschen, die uns wichtig sind. Nur dann kann ein Gefühl im Verborgenen weiterwirken, ohne dass das ganze Bild zerbricht.
Abwehr als Spaltung
Spaltung ist älter als diese Mechanismen und arbeitet anders. Sie versteckt kein Gefühl. Sie verändert das Bild, das wir uns von einem Menschen machen.
Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf den Anfang. Ein sehr kleines Kind erlebt seine Mutter in getrennten Momenten: Mal ist sie da, wärmend und gut. Mal ist sie unerreichbar, und in diesem Moment ist sie für das Kind ganz und gar schlecht. Diese beiden Mütter gehören noch nicht zusammen. Das Kind kann noch nicht denken: Das ist dieselbe Person, die mich liebt und mich gerade trotzdem warten lässt.
Im Lauf der ersten Lebensjahre wächst diese Fähigkeit. Etwa zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr wird sie fester. Das Kind kann nun ein einziges, ganzes Bild von einem Menschen in sich tragen, ein Bild, das Gutes und Schlechtes zugleich enthält. Dieses Bild bleibt bestehen, auch wenn der Mensch gerade ärgerlich, enttäuschend oder nicht erreichbar ist. Die Mutter ist nicht verschwunden, weil sie verärgert ist. Sie ist immer noch dieselbe.
Solange diese Fähigkeit fehlt, bleibt nur ein Ausweg: das Unvereinbare auseinanderzuhalten:
Spaltung: Menschen und Situationen werden in nur gut oder nur böse geteilt. Nicht aus Bosheit, sondern weil das Zwiespältige, denselben Menschen zu lieben und zugleich auf ihn wütend zu sein, mehr innere Spannung erzeugen würde, als sich tragen lässt. Das Gefühl verschwindet dabei nicht im Unbewussten. Das Bild des anderen zerfällt in zwei getrennte Hälften, eine gute und eine böse, die einander abwechseln.
Projektion: Ein eigenes Gefühl, das wir an uns nicht ertragen, nehmen wir bei anderen wahr. Nicht ich bin wütend, der andere ist es. Das Gefühl wird nicht begraben, sondern verlagert: aus dem eigenen Inneren in einen anderen Menschen.
Verleugnung: Eine Realität, die zu schmerzhaft wäre, wird schlicht nicht wahrgenommen.
Um nur einige Spaltungsmechanismen zu nennen. Diese frühe Form der Abwehr antwortet auf die grundlegendste der genannten Ängste: die Angst, überflutet zu werden. Wer noch kein verlässliches inneres Bild hat, das ein widersprüchliches Gefühl halten könnte, dem droht das Gefühl über den Kopf zu wachsen. Das Auseinanderhalten ist dann kein Verbergen, sondern ein Schutz vor dem Zuviel.
Der Preis der Abwehr
So sinnvoll diese Mechanismen einmal waren: Mit der Zeit haben sie ihren Preis.
Das Abgewehrte verschwindet nicht. Was unter Wasser gehalten wird, drängt nach Ausdruck. Es kostet Kraft, es dauerhaft unten zu halten, Kraft, die für anderes fehlt. Und es verzerrt unsere Wahrnehmung: Wer als Kind seine Wut wegsperren musste, spürt sie als Erwachsener oft auch dann nicht, wenn sie berechtigt und nötig wäre. Wer Nähe als gefährlich abgespeichert hat, hält Menschen auf Abstand, die ihm guttun würden.
Was auseinandergehalten wird, bleibt geteilt. Die Welt zerfällt dann immer wieder in Gut und Böse: Menschen werden idealisiert und bald darauf entwertet, Beziehungen schlagen von Nähe in Enttäuschung um. Und wenn das Auseinanderhalten einmal misslingt, bricht genau das herein, wovor es schützen sollte: ein Gefühl, das überflutet.
Der Schutz, der früher half, engt heute ein.